Werksystematik

Die Werksystematik des neuen Bruckner-Werkverzeichnisses bildet in den Kategorien A–K den bisherigen Quellenbestand aller bekannten Bruckner-Quellen ab (siehe Quellenlage). Die Diversität des vorhandenen Quellenmaterials erforderte es, den bereits im Grasberger-Verzeichnis vorhandenen Kategorien A–D, die Kategorien E–K zur Seite zu stellen, um nicht einen großen Anteil Brucknerscher Handschriften aus dem Verzeichnis auszuklammern. Gleichzeitig ist dem Werkverzeichnis somit ein Quellenkorpus eingegliedert, deren musikalischer Inhalt nicht dem typischen Anspruch an ein vollwertiges Werk entspricht und im Falle von Abschriften von Werken anderer Komponisten oder Kompositionsstudien sicher auch von Bruckner nicht als solche verstanden wurden. Nichtsdestotrotz haben sich die Editoren dafür entschieden, diese Quellen mit aufzunehmen, da mit dem Werkverzeichnis so einerseits die Perspektive um bisher weniger erforschte Bereiche in Bruckners Schaffen – wie der musikalischen Praxis in St. Florian oder der musikalischen Ausbildung in Linz und Wien – erweitert und andererseits die Gesamtheit des kompositorischen Wirkens und dessen Herausbildung durch das Studium anderer Komponisten abgebildet werden kann. Sämtliche vorliegenden Werke wurden gemäß ihrer gattungs- und besetzungsspezifischen Eigenheiten in die Kategorien eingeordnet und innerhalb der jeweiligen Kategorie alphabetisch sortiert. Anschließend wurden für diejenigen Werke, die keine Werknummer oder eine „WAB deest“-Nummer aufwiesen, neue Nummern ausgehend von der Ordnungszahl 200 vergeben.

A. Geistliche Vokalmusik

  • 1. Messen
  • 2. andere Vokalwerke
  • 2a. mit Instrumentalbegleitung
  • 2b. ohne Instrumentalbegleitung

B. Weltliche Vokalmusik

  • 1. Kantaten
  • 2a. Chöre für gemischte Stimmen
  • 2b. Chöre für Männerstimmen
  • 3. Solistisch besetzte Vokalmusik

C. Instrumentalmusik

  • 1. Sinfonien
  • 2. Andere Orchesterwerke
  • 3. Kammermusik
  • 4. Bläsermusik
  • 5. Klavierstücke
  • 6. Orgelwerke

D. Verschollene Werke

E. Skizzen, Fragmente und Entwürfe

  • 1. Geistliche Vokalmusik
  • 2. Weltliche Vokalmusik
  • 3. Instrumentalmusik

F. Studien und analytische Arbeiten

  • 1. Dokumente aus Bruckners Lehrjahren
  • 2. Dokumente von Bruckners Lehrtätigkeit

G. Bearbeitungen

H. Abschriften von Werken anderer Komponisten

I. Incerta

K. Falsa

Werke der Kategorien A–D

Die in den Kategorien A–D eingeordneten Werken können als vollständige Werke bezeichnet werden. Die Strukturierung innerhalb der Kategorien erfolgt nach dem Prinzip von der größeren zur kleineren Gattung und ebenfalls von der größeren zur kleineren Besetzung. Die Kategorien Geistliche Vokalmusik (A) und Weltliche Vokalmusik (B) wurden aus dem Grasberger-Verzeichnis übernommen, wohingegen die Kategorien Orchesterwerke – aufgespalten in Symphonien und Andere Orchesterwerke – Kammermusik, Bläsermusik, Klavierstücke und Orgelwerke in der übergeordneten Gruppe Instrumentalmusik (C) zusammengefasst wurden. Die Umbenennung der Kategorie Lieder (B3) in Solistische Vokalwerke ermöglichte zudem die Zuordnung der Vokalquartette in diese Kategorie.

Da es sich bei den als verschollen geltenden Werken lediglich um acht Werke handelt, wurde diese Kategorie nicht nochmals in Unterkategorien aufgeteilt, da die Belegstellen wie auch die vermeintlichen Werktitel eine gattungsspezifische Einordnung nur spekulativ zugelassen hätten. Bis auf die Werke WAB 135 und 227 ist die Existenz dieser Werke nur durch Sekundärliteratur, Briefe von Personen aus dem Bruckner-Umfeld oder durch mündliche Tradierung innerhalb einer Familie belegt. Im Fall von WAB 135 überliefert ein Brief Bruckners* die Existenz eines Zigeuner-Waldliedes und die Annahme, dass es WAB 227 (Kyrie und Gloria) einmal gegeben hat, geht auf einen autographen Eintrag Bruckners in einer Quelle zu WAB 9 zurück. Letztendlich ließen sich im Zuge der Projektarbeit leider keine neuen, gesicherten Erkenntnisse über die Authentizität oder den Verbleib dieser Werke gewinnen.

Insgesamt findet sich in den Kategorien A–D ein Hauptteil der ursprünglichen Werke WAB 1–149 wieder. Neue Werke wurden in den Kategorien Solistische Vokalmusik (B3), Kammermusik (C3), Klavierstücke (C5) und Verschollene Werke (D) entsprechenden ihrer gattungsspezifischen Eigenheiten eingeordnet.

Die Kategorien E–K

Die Quellen, die in den Kategorien E–K eingeordnet wurden, bilden ein in höchstem Maße disparates und heterogenes Quellenkorpus dar. Dabei handelt es sich nicht um vollständige Werke Bruckners sondern um Skizzen, Fragmente und Entwürfe (E), Studien und analytische Arbeiten (F), Bearbeitungen und Abschriften von Werken fremder Komponisten (G und H) sowie Incerta (I) und Falsa (K). In der Kategorie E sind daher neben den WAB-Nummern 138–142 sowie 146 vorwiegend teils einzelne, teils zusammenhängende Skizzen und Entwürfe gelistet, die Bruckner während seines Studiums der Formenlehre bei Otto Kitzler anfertigte (siehe Sonderfall „Kitzler-Studienbuch“). Neben den Studienbüchern Bruckners finden sich in der Kategorie F auch Bruckners Handexemplare verschiedener musiktheoretischer Schriften, die im Zusammenhang mit seiner Ausbildung stehen und deren Aufnahme besonders mit Blick auf die zahlreichen handschriftlichen Kommentare von großer Bedeutung sind. Als Deposita fungieren in dieser Kategorie die WAB-Nummern 253, 254 und 259: im Falle von WAB 253 und 254 enthalten sie zumeist lose Übungs- und Notizblätter, deren Inhalt thematisch den Harmonielehre- und Kontrapunkt-Studien zugeordnet werden kann. Dahingegen beinhaltet WAB 259 eine Auflistung sämtlicher Quellen, die als Schüler-Mitschriften den von Bruckner erteilten Unterricht dokumentieren. Mit den Fugen-Fragmenten (WAB 260–262) werden hier auch Werke geführt, die in Zusammenarbeit zwischen einzelnen Schülern und Bruckner entstanden seien sollen.

Ein ähnlich disparates Bild bieten die Abschriften von Werken anderer Komponisten (H), deren Quellen vorwiegend im Stiftsarchiv St. Florian. Um hier eine möglichst hohe Transparenz zu schaffen und eine unverhältnismäßige Ausweitung des Werkverzeichnisses zu verhindern, wurden den vorliegenden Quellensignatur der einzelnen Quellen in dieser Kategorie jeweils eine WAB-Nummer zugewiesen. Dies dient einerseits der besseren Identifizierung der Quelle und andererseits der eindeutigen Zuschreibung der Quelle zu Bruckners Werkkorpus. Diese sämtlich von Bruckner angefertigten Abschriften umfassen sowohl Partiturabschriften als auch Einzelstimmen, sowie Abschriften gesamter Werke, einzelner Werkteile wie lediglich einzelner Themen- und Motivgruppen. Eine ebenso große Streuung zeigt sich bei der gattungsspezifischen Einordnung dieser Abschriften, so dass ein Gruppieren dieser Abschriften nur teilweise möglich war.

Die in der Kategorie Bearbeitungen (G) angeführten Werke stellen dagegen ein geschlosseners Bild dar, da es sich hier um sechs Werke (WAB 263–268) handelt, die gänzlich als in sich geschlossen, die Umarbeitungen Bruckners im Gegensatz zur Vorlage dokumentieren. Mit den Kategorien Incerta (I) und Falsa (K) trägt die Werksystematik dem Umstand Rechnung, dass zum einen über bestimmte Kompositionen bisher kein gesicherter Forschungsstand besteht und zum anderen, dass bisherige Falschzuschreibungen wie der Apollo-Marsch (WAB 115), seine Nummerierung beibehält und somit als ein Werk aus dem Forschungsumfeld Bruckners erkenntlich bleibt.

Sonderfall „Kitzler-Studienbuch“

Das sogenannte Kitzler-Studienbuch stellt in der Eingliederung in die Werksystematik und Erschließung als Quelle einen Sonderfall dar. Einerseits wurde die gesamte Quelle** unter der WAB-Nummer 252 im Verzeichnis katalogisiert. Andererseits wurden einzelne Kompositionsübungen, Entwürfe aber auch vollständige Lied- oder Instrumentalkompositionen als einzelne WAB-Nummer geführt. Dieses doppelte Vorgehen war notwendig, da vereinzelte Kompositionen bereits unter einer WAB-Nummer (96–99) oder einer „WAB deest“-Nummer firmierten. Eine Zurücksetzung der bereits vorhandenen Nummern hätte dem grundsätzlichen methodischen Vorgehen widersprochen, so dass die Einordnung der Werke aus dem Kitzler-Studienbuch bezüglich ihres Werkstatus und ihrer Eigenständigkeit nur fallweise entschieden werden konnte.

* Harrandt, Andrea und Schneider, Otto (Hg.): Briefe von, an und über Anton Bruckner. Bd. I. 1852–1886 (= NGA XXIV/1),  2., revidierte und verbesserte Auflage Wien 2009, Brief: 630729 An August Silberstein, Wien, 41.
** A-Wn, Mus.Hs. 44706.