Kitzler-Studienbuch: Digitale Edition und Musikanalyse

Das Studienbuch mit eigenhändigen Übungen legte Bruckner während seines Unterrichts beim Dirigenten und Cellisten Otto Kitzler 1861–1863 in Linz an. Bruckner hatte bis dahin bereits zahlreiche Kompositionen fertiggestellt, darunter auch Werke in großer Besetzung. Die Handschrift besteht aus 163 zum Teil unterschiedlich großen Blättern im Querformat (326 gezählte Seiten), geordnet in chronologischer Reihenfolge mit zahlreichen autografen Datierungen zwischen H[eilige] Nacht anno [1]861 (S. 30) und 10.7.1863 (S. 325).

Es handelt sich um eigenhändige Entwürfe, Bemerkungen, vollständige und unvollständige Kompositionen, die eine rigorose Schulung in Formenlehre und Instrumentation zeigen. Am Anfang stehen Übungen zu den verschiedenen Kadenzausführungen und zum Periodenbau. Danach folgen zwei- und dreiteilige Liedformen (z. B. Lieder, Walzer, Polka, Mazurka und Galopp), Klavier-Etüden, Themen mit Variationen, Rondo, Sonatenhauptsatzform und das vollständige Streichquartett in c‑Moll. Fortgesetzt wurden die Studien mit Instrumentationsübungen (darunter zur Exposition des 1. Satzes von Ludwig van Beethovens Sonate Pathétique und vier vollständigen Orchesterstücken (Marsch für Orchester in d‑Moll, Drei Orchesterstücke). Der Band schließt mit Skizzen zur Ouvertüre in g‑Moll und Symphonie in f‑Moll („Studiensymphonie“). Bruckner verwendete während des Unterrichts bei Kitzler Lehrbücher von Ernst Friedrich Richter (1808–1879), Johann Christian Lobe (1797–1881) und Adolf Bernhard Marx (1795–1866).

Das Kitzler-Studienbuch fasziniert wegen seiner Einblicke in die Geschichte der musikalischen Ausbildung im 19. Jahrhundert sowie wegen der historischen und theoretischen Bedeutung von Terminologie und Umfang der darin enthaltenen Übungen. Nicht zuletzt ist dieses Manuskript unverzichtbar für die Untersuchungen über Bruckners Arbeitsweise. Das Studienbuch konnte 2013 aus Privatbesitz für die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) erworben werden (Signatur Mus.Hs.44706).
Paul Hawkshaw  (zitiert aus dem ABLO, weiterlesen)

Dem Projekt Digitale Musikanalyse mit den Techniken der Music Encoding Initiative (MEI) am Beispiel der Kompositionsstudien Anton Bruckners diente das Kitzler-Studienbuch als Forschungsgegenstand.