Erstausgaben

von Elisabeth Theresia Hilscher (Artikel „Erstdrucke“ in Bruckner Lexikon, in Vorbereitung)

Von Anton Bruckner selbst, seinen Freunden und Verehrern, aber auch von Autoren wie August Göllerich, Max Auer oder Alexander Weinmann wurde fast gebets­mühlen­artig die Meinung kolportierten, Bruckner sei nicht nur von Kritik und Publikum missverstanden, sondern auch von den Verlegern missachtet worden. Vielfach wird unkritisch der Brief Friedrich Ecksteins an Josef Sitard vom 3.4.1886 zitiert, in dem dieser berichtet, dass nur die Dritte Symphonie und das Te Deum bei Rättig, die Siebente bei Gutmann erscheinen wären. „Alles übrige von Bruckners Partituren, vielleicht an tausend geschriebene Seiten, ist noch ungedruckt, weil sich kein Verleger finden läßt, der diese Werke in Verlag nehmen würde. Diese traurige Thatsache wird vielleicht einmal als culturhistorisches Exempel zu dienen haben! Die Sache ist weit trauriger, als sie es sich vorstellen dürften, denn Bruckner, der bis heute noch keinen Heller Geld für alle seine Werke gesehen hat, ist genöthigt, täglich etwas 7-8 Stunden zu geben, was für ihn, der ein wahrhaftiges Genie ist, eine wirkliche Folter sein muß!“

Dem muss entgegengestellt werden, dass von Bruckners 136 echten Werken (die übrigen 14 – verschollene Werke, Entwürfe und zweifelhafte Werke – wurden nicht in die Statistik einbezogen) 82 (60,3%) gedruckt wurden (die Zahlen wurden auf Basis des WAB erhoben; Reproduktionen bei Göllerich-Auer bzw. Editionen erst durch die Gesamtausgabe wurden ausgeklammert). 31 Werke (22,8%) erschienen bereits zu Bruckners Lebzeiten. Die häufigste Druckfrequenz erreichten die vier Hauptgattungen Bruckners: geistliche bzw. weltliche Vokalmusik, Orchestermusik und Kammermusik; Bläsermusik, Klavier- und Orgelwerke hingegen wurden zu Lebzeiten Bruckners überhaupt nicht gedruckt. Wie aus der Tabelle ersichtlich, wurden – dem Bild Bruckners als Symphoniker entsprechend – vor allem die Orchesterwerke publiziert, weiters die liturgisch gut verwendbaren kirchenmusikalischen Vokalwerke; die weltlichen Vokalwerke hingegen wurden erst nach dem Tod Bruckners in größerer Zahl gedruckt:

 

Gattungen (jeweils 100%) gesamt bis 1896
kirchliche Vokalmusik (55) 34 (61,8%) 17 (30,9%)
weltliche Vokalmusik (44) 24 (54,6%) 6 (13,6%)
Orchesterwerke (14) 12 (85,7%) 7 (50%)
Kammermusik (4) 3 (75%) 1 (25%)
Bläsermusik (4) 0 0
Klavierstücke (8) 4 (50%) 0
Orgelkompositionen (7) 5 (71,4%) 0

1864 erschien erstmals ein Werk Anton Bruckners im Druck, der Germanenzug bei Josef Kränzl in Ried/Innkreis, 1868 in Linz (Feichtingers Erben) In S. Angelum custodem. Erst nach zehn Jahren und Bruckners Übersiedlung nach Wien folgte die Drucklegung des nächsten Werkes (Dritte Symphonie bei Theodor Rättig). Seit 1884 kam regelmäßig mindestens ein Werk pro Jahr heraus, 1885/86 bzw. 1892/93 sind jedoch mit 9 bzw. 10 Drucken auffällige Häufungen festzustellen. Nach dem Tod Bruckners stagnierte die Drucklegung seiner Werke (ausgenommen in den Jahren 1902 und 1911, in denen 5 bzw. 8 Werke erschienen). In den zwanziger Jahren hingegen kam es zu einem Bruckner-Boom, welcher jedoch 1932 mit einsetzender Wirtschaftskrise rasch beendet war. Durch die Gründung der Bruckner-Gesamtausgabe (erster Band 1930) und der daraus resultierenden Monopolisierung kam es kaum zu weiteren Erstdrucken Brucknerscher Werke durch andere Verlage:

 

Jahre Anzahl der (Neu-)Drucke
1860-1869 2
1870-1879 1
1880-1889 15
1890-1899 20 (davon 17 bis 1896)
1900-1909 9
1910-1919 13 (1915-1919 keine Drucke)
1920-1929 19
1930-1939 (GA ab 1932/34) 8
1940-1949 1
1950-1959 6

 

Verlage der Erstdrucke WAB
Augsburg, Benno Filser 39, 131, 141
Augsburg-Wien, Anton Böhm & Sohn 7, 9, 17, 21, 67, 126, 130
Innsbruck, Johann Gross (S. A. Reiss) 5, 26, 33, 41, 42
Linz, Feichtingers Erben 18, 95, 147
Ried/Innkreis, Josef Kränzl 70
Straßburg, Männer-Gesangverein 90 [Faksimile]
Wien, Emil Berté & Cie. 91
Wien, A. Bösendorfer (103)
Wien, Doblinger 14, 16, 27, 28, 38, 56, 71, 74, 75, 80,92, 101, 102, 105, 106, 109, 117
Wien, Albert J. Gutmann 104, 107, 112
Wien, Haslinger-Schlesinger-Lienau 108
Wien, Theodor Rättig 11, 23, 30, 45, 52, 87, 103
Wien, Robitschek 65, 84, 85
Wien, Universal Edition 1, 2, 8, 13, 22, 32, 35, 54, 57, 63, 73, 82, 88, 89, [90], 98, 99, 100, 113, 124, 125, 129
Wien, Josef Weinberger 51
Wien, Emil Wetzler (Julius Engelmann) 6, 46
Wilhelmshaven, Heinrichshofen 121
Zürich, Hüni 118

 

Die Finanzierung der Drucklegung erfolgte nur in geringer Weise durch Bruckner selbst, sondern geschah entweder durch die Verleger oder durch Mäzene und Freunde (Kaiser Franz Joseph, Theodor Hämmerle); dass Bruckner zumindest von Haslinger und der UE Tantiemen erhielt, geht aus einem in der Zeitschrift für Musik 1924 abgedruckten Brief der Rechtsnachfolger hervor; genaue Recherchen in den Archiven der Verlage stehen noch aus, sodass noch keine Rückschlüsse auf Veränderungen von Bruckners Vermögensverhältnissen durch diese Einnahmequellen gemacht werden können.

 

Literatur: WAB; Elisabeth Th. Hilscher: Genie und Markt. A. Bruckner und seine Verleger, in: Bruckner-Symposion 1994, 139-150; Andrea Harrandt (Hg.): Anton Bruckner, Briefe 1852-1886 und Briefe 1887-1896, Wien 2003 bzw. 2009; Alexander Weinmann: A. Bruckner und seine Verleger, in: Bruckner-Studien, Wien 1964, S. 121-138; Franz Gräflinger: Anton Bruckner, seine Verleger und Honorare, in: Schweizerische Musikzeitung 92 (1952), 408-412; Verlage und Tantiemenhonorare [Brief von Anton, Theodor und Gustav Hueber an die Wiener Künstlervereinigung], in: Zeitschrift für Musik 1924, S. 568 f.