Tantum ergo (WAB 32; 41/1‑4; 42,1-2; 43 und 44) „Tantum ergo sacramentum veneremur
cernui“
Das Tantum ergo ist keine eigenständige Hymne, sondern stellt
die 5. Strophe aus Thomas von
Aquins Sakramentshymnus Pange lingua dar, wurde und
wird aber dennoch (meist mit der folgenden, 6. Strophe „Genitori genitoque“)
häufig selbständig vertont. Der liturgische Ort des Tantum
ergo ist der sakramentale Segen, während die vollständige Form des Hymnus
(Pange lingua mit sechs Strophen) mehr dem
Fronleichnamsfest und dem Gründonnerstag vorbehalten bleibt. Bruckner zog diesen Text
in seinen ersten Jahren als Komponist achtmal heran, und würdigte fünf seiner
Vertonungen (WAB 41 und 42) noch 1888 einer Revision.
Tantum ergo (WAB 32)
Hymnus für vierstimmigen gemischten Chor a cappella in D‑Dur, „Andante“
Die Einreihung dieser Vertonung in den Bruckner‘schen Werkkatalog ist aus mehreren
Gründen etwas kompliziert: Für den praktischen Gebrauch entstand bald eine gekürzte
Version, in der die Textwiederholung zwischen T. 23 und 34 mit „vi-de“
gestrichen wurde. Bruckner sanktionierte diese Einrichtung, die sich u. a. P. Oddo Loidol im Jahr 1882
abgeschrieben hatte, mit seinem Namenszug. Im Erstdruck stellte Wöss eine zusätzliche Strophe mit dem Text der 1. Strophe
des Hymnus Pange lingua voran und veröffentlichte das Werk in
der gekürzten Version.
Das Tantum ergo komponierte Bruckner laut Biografie von August Göllerich und Max Auer „für St. Florian“ (Göll.-A. 1, S. 250),
unter Umständen mit der Absicht, sich bei Stiftskanzleidirektor Friedrich Mayer, dem
späteren Propst, in Erinnerung zu bringen (vgl. auch die Kantate
Vergißmeinnicht). Bruckner schreibt hier zwar im durchaus
zeitüblichen kirchenmusikalischen Gebrauchsstil (mit Terz‑ und Sextparallelen), die
farbigere Harmonik und die stellenweise
expressivere Führung der Oberstimme zeigen aber schon den Kenntniszuwachs durch den
Unterricht bei Leopold von
Zenetti.
4 Tantum ergo (WAB 41/1‑4)
Hymnen für vierstimmigen gemischten Chor a cappella (Orgel ad
lib.)
Nr. 1 in B‑Dur (WAB 41/1): „Langsam“ (lt. Max Auer nach der heute verschollenen Partitur:
„Maestoso“)
Nr. 2 in As‑Dur (WAB 41/2): „Langsam“
Nr. 3 in
Es‑Dur (WAB 41/3): „Ziemlich langsam“
Nr. 4 in C‑Dur (WAB 41/4):
„Andante“
| Text: |
Thomas von
Aquin
|
| EZ: |
1. Fsg.: 1846 in St.
Florian
2. Fsg.: 1888 verbessert in Wien
|
| W: |
Omnia ad majorem dei gloriam („O.A.M.D.G.“)
|
| UA: |
?, St. Florian (?)
|
| Aut.: |
Partitur verschollen (früher Archiv des Neuen Domes in Linz); Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/51,
Stimmen)
|
| ED: |
2. Fsg.: Fünf Tantum ergo. Gross (Reiss), Innsbruck 1893 (überarbeitet von Bruckner,
mit umgestellter Reihenfolge Nr. 3, 4, 1, 2, zusammen mit Tantum ergo [WAB 42,1-2])
|
| NGA: |
Band XXI (beide Fsg.; Hans
Bauernfeind/Leopold Nowak,
1984) und Revisionsbericht (1984)
|
Diese Vertonungen der 5. Strophe des Sakramentshymnus Pange
lingua stammen aus dem ersten Jahr von Bruckners zweitem St. Florianer
Aufenthalt. Es sind schlichte, sich ganz dem liturgischen Gebrauch unterordnende
Werke, die jedoch schon zahlreiche Merkmale persönlicher Ausprägung wie insbesondere
eine farbige, stellenweise an Franz
Schubert orientierte Harmonik
(Dur/Moll-Wechsel, Terzverwandtschaften) zeigen. Noch vor dem strengen Blick des
gereiften Meisters konnten die kleinen Stücke bestehen: 1888 unterzog Bruckner sie
einer Revision, bei der er jedoch nur geringfügige Korrekturen anbrachte.
Tantum ergo (WAB 42,1-2)
Hymnus für fünfstimmigen (2 S, A, T, B) gemischten Chor und Orgel in D‑Dur,
„Feierlich“
Diese von Bruckner 1888 revidierte und 1893 in gekürzter Version zusammen mit den 4 Tantum ergo (WAB 41/1‑4) veröffentlichte Vertonung
des eucharistischen Hymnus wurde die bekannteste, allerdings erst in dieser 2.
Fassung. Das Werk ist jedoch auch schon in seiner frühen Fassung von erstaunlicher
Qualität: Bereits der synkopische Choreinsatz erweckt Aufmerksamkeit; die Führung der
Singstimmen ist geschmeidig, die Harmonik
ungekünstelt und reich. Die charakteristische und sehr wirkungsvolle Schlusswendung
des Soprans (bis a‘‘) auf „sensuum defectui“ ist allerdings nur der 2. Fassung zu
eigen.
Tantum ergo (WAB 43)
Hymnus für vierstimmigen gemischten Chor und Orgel in A‑Dur, „Andante“
| Text: |
Thomas von
Aquin
|
| EZ: |
1844 oder 1845 in Kronstorf oder St.
Florian
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| UA: |
?
|
| Aut.: |
Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/29, zusammen mit
dem Choral
[WAB 12] „Dir, Herr, dir will ich mich ergeben“; mit
Besitzvermerk Karl Aigners und
Korrekturen von Joseph Anton Pfeiffer [1776–1859] von 1848)
|
| ED: |
Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 2/2, S. 116ff.
(1928)
|
| NGA: |
Band XXI (Hans
Bauernfeind/Leopold Nowak,
1984) und Revisionsbericht (1984)
|
Im Autograf dieser
Komposition finden sich mit roter Tinte die Bemerkungen „Hier kommen Quinten u.
Oktaven vor, die im reinen Satze verbothen sind! Vom 13. bis 16. Takte paßt
nicht hierher! [?] Schon der Anfang des 13. Taktes ist eine reine Quint vom
12. bis 13. Takt!“ sowie Korrekturen des Stimmenverlaufes. Diese
Eintragungen, eines der Ergebnisse von Bruckners Besuch in Seitenstetten 1848, stammen von
Pfeiffer, Stiftsorganist von Seitenstetten (nicht, wie Göll.-A. 2/1,
S. 108f., vermuteten, von Robert Führer), dem er nicht nur diese wohl noch in der Kronstorfer Zeit
begonnene Vertonung des Sakramentshymnus vorgelegt haben dürfte, sondern, um auf
seine Fortschritte in der Satztechnik
hinzuweisen, auch die 4 Tantum ergo (WAB 41/1‑4), in denen solche Fehler nicht mehr vorkommen.
Wegen der früheren Zuschreibung der Eintragung an Robert Führer oder Otto Kitzler wurde das Werk zunächst zu spät
– auf 1848 oder 1849 – datiert, bis Leopold Nowak durch Schriftvergleich die
eindeutige Identifizierung gelang (NGA XXI, S. 26).
Stilistisch entspricht das kleine Werk ganz dem zeitüblichen kirchenmusikalischen
Gebrauch (mit Terz- und Sextparallelen, Vorhaltketten), doch erprobt hier der junge
Komponist schon polyphone Einsätze (T. 13f.) und harmonisch angereicherte
Sequenzen (T. 17f. bzw. 19f.). Der Schluss (T. 30–36) weist durch seine
Anklänge an die Wiener Klassik auf den Unterricht bei Leopold von Zenetti hin (Einflüsse und Vorbilder).
Tantum ergo (WAB 44)
Hymnus für vierstimmigen gemischten Chor, 2 Vl., 2 Trp. und Orgel in
B‑Dur
Bislang wurde als Entstehungszeit dieses Tantum ergo das Jahr
1854 angenommen. Die Durchsicht der Aufführungskalendarien des Stiftes St. Florian
brachte jedoch die Erkenntnis, dass zu Silvester 1849 neben einer Messe von Johann Baptist
Schiedermayr, einem Graduale und einer
Motette zum Offertorium von Michael Haydn sowie einem Te Deum in B-Dur von Franz Joseph Aumann ein Tantum ergo in B-Dur von
Bruckner aufgeführt wurde. Dass es sich hier um das Tantum
ergo (WAB 44) handelte, folgert Klaus Petermayr aus der Besetzung dieses
Werkes – neben Chor und Orgel zwei Violinen und
zwei Trompeten, möglicherweise war auch eine Paukenstimme vorhanden. Das Tantum ergo (WAB 41/1), ebenfalls in B-Dur, ist hingegen a
cappella aufzuführen, eine Orgelstimme sei lediglich ad libitum beigeschlossen. Eine
weitere Aufführung des Tantum ergo (WAB 44), wieder gemeinsam
mit Aumanns Te Deum in B-Dur, fand laut Aufführungskalender
des Stiftes am 4.10.1851 statt (Petermayr, S. 9).
Laut Göll.-A. finden wir in diesem Werk in erster Linie den Ausdruck von Bruckners
„Empfindungen, die seine Brust beim Abschiede vom Lehrstande“ erfüllten, und hören
daraus „volkstümliche Töne wie die segnende Rückschau des Mannes auf seine Jugend“
(Göll.-A. 2/1, S. 212). Dieses Tantum ergo ist jedoch gerade
Bruckners am wenigsten volkstümliche Vertonung dieses Textes: Eine ausdrucksvolle
melodische Linie (Sopran) wird von teils
umspielenden, teils konzertierend und imitierend geführten Streicherfiguren begleitet
und könnte fast einer Vesper Wolfgang Amadeus Mozarts oder sogar einem Bühnenwerk entnommen sein.
Literatur
-
Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 2/1, S. 53–58, 212f.
- Max Auer, Anton Bruckner als Kirchenmusiker (Deutsche Musikbücherei 54). Regensburg 1927, bes. S. 48–84
- Melanie Wald-Fuhrmann, Geistliche Vokalmusik, in: Bruckner-Handbuch 2010Hans-Joachim Hinrichsen (Hg.), Bruckner-Handbuch. Stuttgart–Weimar 2010, S. 224–289
- Klaus Petermayr, Welches Tantum ergo Bruckners erklang zu Silvester 1849?, in: ABIL-MitteilungenABIL-Mitteilungen. Hg. v. Anton Bruckner Institut Linz. Linz 2008ff. Nr. 21 (Juli 2018), S. 7ff.