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Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel

Serbien (Rezeption)

Die Rezeption von Bruckner-Werken in Serbien lässt sich anhand kritischer Berichte und Konzertrezensionen in Zeitschriften und Musikmagazinen sowie kurzer Einträge in serbischen Musikbüchern erschließen. In der Zeitschrift Politika aus den Jahren 1931, 1938 und 1940 finden sich die ersten Berichte u. a. von Miloje Milojević (1884–1946), einem berühmten Komponisten, Pädagogen und Dirigenten, ersten Doktor der Musikwissenschaft in Serbien und einer der größten Autoritäten unter den Musikkritikern seiner Zeit. Genauer betrachtet sind diese Artikel Ankündigungen oder Rezensionen von Bruckner-Abenden in Belgrad. Milojević schrieb diese als kurze Biografien mit Anmerkungen zum poetischen und stilistischen Charakter der Werke. Er präsentierte Bruckner als bescheidenen, ruhigen und reservierten Künstler, der Gott und die Natur in seinen Werken pries. Er hob außerdem die Neigung des Komponisten zu naturnahem Stil und volkstümlichen Melodien hervor (Volksmusik, Persönlichkeit), sowie sein Wetteifern mit Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven und Richard Wagner.

Das war auch die allgemeine Richtung der kritischen Berichte über Bruckner-Aufführungen. Bruckners sakrale Chorwerke – Te Deum, zwei Messen (Messe in d-Moll und Messe in f-Moll) und der Psalm 150 – wurden in Serbien am meisten gespielt. Kurz nach der Aufführung vom 13.2.1931 im Nationaltheater in Belgrad schrieb M. Milojević über die Merkmale von Bruckners Kompositionsstil. Er charakterisierte die Messe in d-Moll und das Te Deum als Werke, die in „einem speziellen sakralen Stil, ungewöhnlich für orthodoxe Christen“ geschrieben wären, „durchdrungen mit dem Geist des Romantizismus“ und dass Aufführungen wegen ihrer harmonischen und polyphonen Teile sehr kompliziert wären. Er betonte, dass speziell die Messe außergewöhnlich anspruchsvolle dynamische Nuancierungen usw. erfordere. Milojević lobte die Akademische Chorvereinigung Obilić und die Belgrader Philharmonie unter der Leitung von Lovro von Matačić dafür, dass „sie die Dynamik der Komposition mit großer Aufmerksamkeit und einem guten Gefühl für die Schattierungen und Kontraste“ (Politika 25.2.1931) erfasst hatten. Die zweite Aufführung mit demselben Programm unter der Leitung von Bernhard Paumgartner wurde ebenfalls als erfolgreich und wichtig für das Belgrader Publikum eingeschätzt, „für die Bewertung des musikalischen Niveaus und der musikästhetischen Kriterien unseres Publikums und der Sänger“ (Politika 2.3.1931). Milojević urteilte, dass der Chor und das Orchester das Wesen der aufgeführten Werke durchdrungen hatten. Das Te Deum wurde gemeinsam mit Werken von Ljudmila Frajt (1919–1999), Vojin Komadina (1933–1997) und Dušan Radić (1929–2010) in der Kolarac-Volksuniversität und Konzerthalle in Belgrad 1961 erneut aufgeführt. Ausführende waren das Serbische Radio- und Fernseh-Symphonieorchester unter Borivoje Simić (1920–2001). 2006 wurde mit demselben Ensemble unter Mladen Jagušt (* 1924) wieder ein „Bruckner-Abend“ organisiert. Neben dem Te Deum wurde auch die Messe in f-Moll und der Psalm 150 aufgeführt.

Matačić wurde als einer der besten Bruckner-Interpreten gelobt. Aus Anlass des dritten symphonischen Konzerts der Belgrader Philharmonie schrieb er: „Symphonie, eine der vollkommensten, uneingeschränkten Manifestationen menschlichen Geistes, deren Propheten und Vorläufer die italienischen Meister waren und ihre Erschaffer Haydn, Mozart und Beethoven. Anton Bruckner vereinigt und verändert deren Eigenschaften durch spirituellen Glanz […]; in seinen Symphonien widerhallt himmlische Freude“ (Vreme 11.12.1938). Die Belgrader Philharmonie spielte Bruckners Neunte Symphonie im Kulturzentrum Kolarac im Jänner 1940. Milojević schrieb als Ankündigung dieser Aufführung über Bruckners ernsthafte Natur und sein starkes Gefühl für den Sinn und Wert von Musik, speziell sein Gefühl für einen monumentalen symphonischen Stil und der Verpflichtung der Musik als Reich der Klänge, „welches zauberhafter als diese Welt“ sei. Die Neunte Symphonie wurde als Bruckners Höhepunkt proklamiert, ihr Wesen als hoch expressiv bezeichnet und wegen der starken Verbindung zu Gott und zur Natur mit Beethovens Neunter verglichen. Weiters wurde sie als Meisterwerk tiefgründiger und gesunder Musik präsentiert, der der „Geist der Menschlichkeit“ (Politika 16.1.1940) innewohnt.

Die Gewalt von Bruckners symphonischer Sprache war das Thema in den meisten Artikeln über Aufführungen großer Instrumentalwerke des Künstlers und Parameter für die Anerkennung der ausführenden Dirigenten in Serbien, wenn sie es schafften, die erwarteten Resultate mit ihren Orchestern zu erzielen. Am 8.10.2003 wurde beim 35. Belgrader Musik Festival (BEMUS) von Solisten der Münchner Philharmoniker Bruckners Streichquintett in F-Dur aufgeführt. Es gibt auch Daten zu den Aufführungen der Vierten und der Siebenten Symphonie, 2005 und 2006, beim Novi Sad Musik Festival (NOMUS). Die Konzerte fanden in der Synagoge von Novi Sad mit dem Orchester Vojvođanski simfoničari unter Berislav Skenderović und dem Gastdirigenten Marco Parisotto (* 1963) statt.

Einzelheiten zu Bruckners Kunst in Serbien finden sich auch in Büchern und Musikmagazinen. Der Komponist und Musikwissenschaftler Vojislav Vučkoviċ (1910–1942), schrieb indirekt über Bruckners Kreativität in einigen Texten der Publikation Studije, eseji, kritike. Darin enthalten sind Beiträge über Josef Suk (1874–1935), einen tschechischen Komponisten, den Vučkoviċ als den Vorläufer der epischen Werke von Gustav Mahler, Hugo Wolf, Richard Strauss und Bruckner sah, ein Aufsatz über Wagner, das große Idol Bruckners, und ein zustimmendes Portrait über Nikolaj Malko (1883–1961), den Vučkoviċ als einen Experten für Bruckners gesamtes symphonisches Œuvre ehrte und der alle neun Symphonien auswendig dirigieren konnte. Es findet sich auch eine Rezension eines Konzerts der Belgrader Symphonie, in dem Bruckners letzte Symphonie nach der Suite Intima von Milojević und Teilen aus Wagners Walküre gespielt wurde.

In den Jahrgängen 1961–1979 des jugoslawischen Musikmagazins Zvuk wurden ebenfalls Bemerkungen über Aufführungen von Bruckner-Werken in Zagreb und Ljubljana, den Hauptstädten der damaligen jugoslawischen Republiken, abgedruckt. Es waren dies Aufführungen der Dritten, Vierten und Neunten Symphonie, des Te Deum und des Ave Maria, die kurz danach vom kroatischen Musikwissenschaftler Krešimir Kovačević (1913–1992) rezensiert wurden. Petar Bingulac (1883–1970) erwähnte Bruckner in einem Essay über Karol Šimanovski (1882–1937) und in einem Text über die Vierte Symphonie von Mahler, welche im Buch Napisi o muzici veröffentlicht wurden. In beiden werden die Werke Bruckners als Vorbilder für die Arbeit anderer Komponisten präsentiert. Vera Ikonomova schrieb über Bruckner-Aufführungen in ihrer Publikation über Živojin Zdravković (1914–2001) und die Belgrader Philharmonie. Sie hob hervor, dass dieses Ensemble neun Mal Werke Bruckners aufgeführt hatte – die Erste und Vierte drei Mal, die Sechste, Siebente und Neunte je einmal – und stellte fest, dass diese Zahl gemessen an den Aufführungen der Symphonien von Beethoven, Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840–1893), Antonín Dvořák, Johannes Brahms und Hector Berlioz eher gering ausfällt. Obwohl die Ansichten zum Werk Bruckners nicht gerade häufig oder ausgiebig in der serbischen Musikliteratur aufscheinen, weisen die Retrospektiven darauf hin, dass seine Kunst sehr wohl einen Einfluss auf Musikausübende und Musikliebhaber in Serbien seit 1931 bis heute zu haben scheint.

Literatur
  • Miloje Milojević, „Koncert Obilića“ – dela Antona Bruknera: Misa i Te Deum, in: Politika 25.2.1931
  • Miloje Milojević, G. dr B. Paumgartner diriguje Bruknerova dela u Beogradu. Repriza koncerta „Obilića“ i Beogradske filharmonije, in: Politika 2.3.1931
  • Miloje Milojević, Anton Brukner kao simfoničar. Povodom večerašnjeg koncerta Beogradske filharmonije, in: Politika 16.1.1940
  • Lovro von Matačić, Anton Brukner, in: Vreme 11.12.1938
  • Vojislav Vučković, Studije, eseji, kritike. Beograd 1968
  • Petar Bingulac, Napisi o muzici. Beograd 1988; Darinka Simić-Mitrović, Da capo all’ infinito. Beograd 1988
  • Vera Ikonomova, Živojin Zdravković i zlatna epoha Beogradske filharmonije. Beograd 1999
  • Arnold Suppan/Danica Petrović/Rudolf Flotzinger, Art. „Serbien (deutsch für serbisch Srbija)“, in: www.musiklexikon.ac.at [23.9.2020]
  • www.bemus.rs/en/archive.html [23.9.2020]

NATASA SALAJ

(Übersetzung: Andrea Partsch)

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 23.9.2020