Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Norwegen (Rezeption)
Es dauerte viele Jahre, bis Bruckners Musik von Musikern, Orchestern und dem Publikum in Norwegen Anerkennung fand. 1891 wurde das Te Deum in Oslo durch den Komponisten und Dirigenten Iver Holter (1850–1941) erstaufgeführt; bis 1940 gab es nur 22 norwegische Aufführungen dieses Chorwerks. Die Zweite und die Neunte Symphonie wurden vor dem Zweiten Weltkrieg überhaupt nicht gespielt; Holter präsentierte 1910 die Vierte Symphonie, Johan Ludwig Mowinckel (1895–1940) dirigierte die Vierte 1923 in Bergen. Andere Aufführungen von Werken Bruckners fanden meist mit Dirigenten aus dem Ausland statt.
Olav Kielland (1901–1985) war derjenige unter den norwegischen Dirigenten, der sich am meisten für Bruckner einsetzte und dessen Musik aufführte. Er wurde 1931 zum Chefdirigenten des Oslo Filharmonien berufen und setzte gleich im nächsten Jahr Bruckners Te Deum auf das Programm. Ein Jahr später präsentierte er zum ersten Mal in Norwegen die Sechste Symphonie. 1939 dirigierte er erstmals die Siebente, und diese erneut 1941, 1943, 1948 und 1950. Im Publikum der Aufführung von 1939 saß der später bekannt gewordene Komponist, Organisator und Professor für Komposition, Finn Mortensen (1922–1983). Er wurde zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten im norwegischen Musikleben zwischen 1950 und 1980. In einem seiner späteren Interviews erklärte er Bruckner, gemeinsam mit Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven, zu einem der wichtigsten Komponisten. Mortensens eigene Symphonie aus dem Jahr 1952 ist offensichtlich von Bruckner inspiriert, und auch seinen Privatstudenten vermittelte er Bruckners Stil und Orchestrierung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es wieder Kielland, der Bruckner erneut ins Repertoire aufnahm. 1948 dirigierte er eine Aufführung der Siebenten mit dem Bergen Filharmoniske Orkester, 1949 leitete er die norwegische Erstaufführung der Zweiten Symphonie, außerdem spielte er auch die Dritte Symphonie in Bergen. 1950 dirigierte Kielland in Bergen sowohl die Siebente als auch die Achte Symphonie und ein Jahr später die Sechste in Oslo. 1960 leitete er zum letzten Mal die Zweite Symphonie in Oslo. Aber auch andere Dirigenten setzten sich für Bruckner ein. So gab Odd Grüner-Hegge (1899–1973) die Vierte Symphonie drei Mal in Oslo und einmal in Bergen.
Die nächste Periode wichtiger Bruckner-Aufführungen fand unter der Leitung von Herbert Blomstedt statt. Er trat 1953 als Gastdirigent des Oslo Filharmonien mit der Dritten Symphonie Bruckners auf; als er zehn Jahre später Chefdirigent in Oslo wurde, setzte er sofort Bruckners Vierte Symphonie auf das Programm. Unter seinem Dirigat gab es viele Bruckner-Aufführungen, z. B. die Fünfte 2006 in Oslo. Eine wichtige Zeit für das Oslo Filharmonien waren die Jahre 1979–2000 unter der Leitung des Chefdirigenten Mariss Jansons. Er arbeitete vor allem mit dem Repertoire der Romantik (Johannes Brahms, Antonín Dvořák, Pjotr Iljitsch Tschaikowski [1840–1893], aber auch Bruckner). Seine Interpretation der Vierten Symphonie 1993 erhielt außergewöhnliche Kritiken.
Das Norsk Ungdomssymfoniorkester erlangte eine Schlüsselfunktion in der Ausbildung junger Orchestermusiker. 1992 wurde die Vierte Symphonie unter Hans Vonk und 1996 die Achte unter Heinz Wallberg einstudiert und aufgeführt.
Die norwegische Musikkritik war bis zum Ersten Weltkrieg sehr konservativ eingestellt. Komponisten wie Claude Debussy (1862–1918), Maurice Ravel (1875–1937), César Franck (1822–1890) oder Gustav Mahler, aber ebenso Norweger wie Fartein Valen (1887–1952), wurden nicht anerkannt und manche Konzerte regelrecht verrissen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Bruckners Musik zu dieser Zeit als „eigenartig“ eingestuft wurde. Die Aufführungen von Bruckners Te Deum von 1891 bis in die 1920er Jahre erhielten durchwegs schlechte Kritiken. Als Bruckners Werke – meist nach 1945 – öfter auf die Programme gesetzt wurden, war er bereits ein international beachteter Komponist und wurde auch von den Kritikern gemeinhin anerkannt. Im Fokus der Diskussionen stehen seither nicht mehr Bruckners Werke, sondern deren Interpretationen.
1995 gab Olav Guttorm Myklebust (1905–2001) die erste norwegische Bruckner-Biografie heraus.
Literatur
- Bo Marschner, Aufführungen größerer Werke von Anton Bruckner in den nordischen Ländern 1891–1991. Tl. 1: Norwegen, in: IBG-MitteilungsblattMitteilungsblatt der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Studien & Berichte. Hg. v. der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1971ff. Nr. 37 (Dezember 1991), S. 29–33
- Olav Guttorm Myklebust, Te Deum i Circus. Bruckners – mottagelsen i Norge 1891, in: Kirke og Kultur No. 5. Oslo 1991, S. 465–470
- Olav Guttorm Myklebust, Bruckner og Norge 1891–1991, in: Norsk Musikktidsskrift 28 (1991) Nr. 4, S. 137–152
- Olav Guttorm Myklebust, Anton Bruckner. Geni og skjebne. Oslo 1995
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 21.9.2020
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e8004