Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Lettland (Rezeption)
Bruckner und seine Musik sind in Lettland seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt. Sie zählen zwar nicht zum Hauptrepertoire des Konzertlebens, trotzdem wurden im Laufe der Zeit alle Symphonien (inklusive der „annullierten“ Symphonie in d‑Moll) und die großen Chorwerke aufgeführt (Te Deum, Messe in e‑Moll, Messe in f‑Moll, Requiem in d-Moll [WAB 39]).
Am Beginn dürfte die Aufführung der Siebenten Symphonie gestanden sein. Ihre Premiere in Riga fand am 8.5.1888 unter Konstantin Zschoppe (1850–1898) statt. Eine ausführliche Besprechung der Komposition ist in der Rigaschen Zeitung vom 9.5.1888 zu finden. Am 11.5.1899 war in Riga die Symphonie in d-Moll in Horn‘s Establissement in Majorenhof (Majori in Jūrmala/LV) unter der Leitung von Paul Prill (1860–1930) zu hören. Bruckners Siebente wurde außerdem 1901 aufgeführt: Georg Schnéevoigt debütierte als Dirigent mit dem Helsingin kaupunginorkesteri (Philharmonisches Orchester Helsinki) in Riga beim 700-Jahr-Jubiläum der Stadt. In den folgenden Jahren wiederholten sich die Gastspiele mehrmals. Am 6.[19.]8.1902 stand die Siebente Symphonie in Dubbeln auf dem Programm. Am häufigsten scheint vor dem Ersten Weltkrieg (vorwiegend in Riga) aber die Vierte Symphonie gespielt worden zu sein: erstmals am 6.[19.]12.1910 unter Schnéevoigt vom Latvijas Nacionālais simfoniskais orķestris (Nationales Sinfonieorchester Lettlands), eine weitere Aufführung am 29.12.1910 (11.1.1911) mit denselben Interpreten.
In der Zwischenkriegszeit wurden Bruckners Symphonien sowohl von lettischen als auch von Gastdirigenten geleitet. Darunter gab es die Siebente Symphonie (30.5.1927, Latvijas Nacionālās operas orķestris [Orchester der Nationaloper Lettlands], Teodors Reiters [1884–1956]), die Vierte Symphonie (21.7.1927, Latvijas Radiofona simfoniskais orķestris [Rundfunksinfonieorchester Lettland], Kurhaus Edinburg in Jūrmala, Paul Scheinpflug [1875–1937]; 4.8.1931, dasselbe Orchester, Kurhaus Edinburg, Lovro von Matačić; 9.11.1933, das Vereinigte Orchester der Nationaloper Lettlands und des Lettischen Rundfunks, Franz von Hoeßlin [1885–1946] aus Wuppertal) und die Dritte Symphonie (10.7.1936, Liepājas kūrmājas orķestris [Kurhausorchester Libau], Liepāja, Rudolf Nilius [1883–1962]). Während des Zweiten Weltkrieges wurden in Riga die Erste, Dritte, Vierte, Fünfte und Siebente Symphonie aufgeführt.
Ein gewisses Wiederaufleben der Symphonik Bruckners in der Nachkriegszeit ist mit der Tätigkeit der Dirigenten Leonīds Vīgners (1906–2001) und Leons Reiters ([1926–1976]; ab den 1950er/1960er Jahren) verbunden. Die erste Konzertaufführung einer Bruckner-Symphonie im sowjetischen Lettland war die Aufführung der Dritten Symphonie (24.2.1969, LPSR Radio un televīzijas simfoniskais orķestris [Orchester des TV und Rundfunks der Lettischen SSR], René Klopfenstein [1927–1984]), später folgten die Neunte Symphonie (24.7.1971, Konzertsaal Dzintari in Jūrmala, Philharmonisches Orchester Moskau, Jurij Simonov [* 1941]), die Siebente (4.10.1971, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Rolf Kleinert [1911–1975]), die Vierte (9.10.1975, LPSR Radio un televīzijas simfoniskais orķestris, Siegfried Kurz [* 1930]; 23.11.1980, dasselbe Orchester, Vassilij Sinaiskij [* 1947]), die Zweite (24.11.1983, Latvijas PSR Valsts Akadēmiskais simfoniskais orķestris [Akademisches Staatssinfonieorchester der Lettischen SSR oder das vorige Orchester des TV und Rundfunks der Lettischen SSR], Vladimir Ponkin [* 1951]), die Symphonie in d‑Moll (16.5.1985, Latvijas PSR Valsts Akadēmiskais simfoniskais orķestris, Sinaiskij), die Fünfte (16.2.1985, Rheinland-Pfalz Sinfonieorchester, Leif Segerstam [* 1944]).
Im postsowjetischen Lettland haben folgende Aufführungen eine breitere Resonanz gewonnen: die Vierte Symphonie (5.1.1995, LNSO oder das vorige Akademische Staatssinfonieorchester der Lettischen SSR], David Milnes [* 1956]; 4.11.2003 in Liepāja, 5.11.2003 in Riga, Liepājas simfoniskais orķestris [Sinfonieorchester Libau], Imants Resnis [* 1949]; 10.10.2013 in Liepāja, Liepājas simfoniskais orķestris, Lutz Köhler [* 1945]), die Neunte (9.8.1995, Gustav Mahler Jugendorchester, Claudio Abbado; 9.3.2001, LNSO, Terje Mikkelsen [* 1957]), die Achte (16.4.1999, LNSO und Liepājas simfoniskais orķestris, Resnis; 9.11.2012, LNSO, Rosen Milanov [* 1965]), die Symphonie in d‑Moll (Jaunais Rīgas kamerorķestris [Neues Kammerorchester Riga], 25.9.2002, Viesturs Gailis [* 1955]), die Fünfte (12.8.2004, Konzertsaal Dzintari, Europen Union Youth Orchestra, Paavo Järvi [* 1962]), die Siebente (LNSO, 19.3.2005, Roland Böer [* 1970]; 8.5.2015, LNSO, Gintaras Rinkevičius [* 1960]); Sechste Symphonie (22.4.2005, LNSO, Michael Christie [* 1974]).
Die Erstaufführung einer Bruckner-Messe in Lettland fand am 3.4.1931 (Karfreitag) im Dom von Riga statt: die Messe in f‑Moll in der Bearbeitung des Dom-Organisten Harald Creutzburg (1875–um 1948) für gemischten Chor, Orgel und Orchester (Streicher und Bläser); die dem Stil Bruckners entsprechende Bearbeitung wurde in der Rigaschen Rundschau 79 (1933) polemisch diskutiert. Die Interpreten waren ein Amateurorchester, der Domchor unter der Leitung von Creutzburg und der Organist Jannsohn. Am 15.3.1984 wurde dieselbe Messe von Gastkünstlern – Kapelle des Akademischen Staatschores M. Glinka unter der Leitung von Vladislav Černušenko (* 1936) aus Leningrad (St. Petersburg) – aufgeführt.
Großes Aufsehen rief die Konzertaktion mehrerer der damals besten Chöre Lettlands unter der Leitung des Dirigenten Sigvard Kļava (* 1962) am 6. und 7.4.1991 hervor. Während dieser Aktion wurde Musik von Bruckner aufgeführt, darunter die Messe in e‑Moll erstmals in Lettland. Die Interpretation wurde auf Schallplatte herausgegeben (RiTonis C10 32243 000, 1991). Weitere Aufführungen dieser Messe fanden am 20.8.1999 beim II. Internationalen Festival geistlicher Musik (Valsts Akadēmiskais koris Latvija [Akademischer Staatschor Lettland], Bläsergruppe des LNSO unter der Leitung von Māris Sirmais [* 1969]) und am 26.9.1999 (dieselben Interpreten und auch Latvijas Radio koris [Rundfunkchor Lettlands]; internationales Programm der Jubiläumtage des Euroradio) statt. 1999 wurde auch die vom Anton Bruckner Institut Linz konzipierte Wanderausstellung „Anton Bruckner. Lebenswelt – Lebenswerk“ in Riga gezeigt (Ausstellungen).
Die bedeutendsten Interpretationen des Te Deum in der postsowjetischen Zeit fanden am 20.2.1999 (Studentenorchester und Studentenchor der Jāzeps Vītols Musikakademie Lettlands, Resnis) und am 9.3.2001 (Akademischer Staatschor Latvija und Nationales Sinfonieorchester Lettlands, Terje Mikkelsen [* 1957]) statt. Auszüge aus dem Te Deum wurden auch beim III. Internationalen Jāzeps Vītols Chordirigenten-Wettbewerb im März 2005 in Riga aufgeführt (Akademischer Staatschor Latvija und Studentenorchester der Jāzeps Vītols Musikakademie Lettlands unter der Leitung der Teilnehmer des Wettbewerbs).
Der Akademische Staatschor Latvija stellte auch einige Werke Bruckners außerhalb Lettlands vor: 6.7.2002 Te Deum in Nürnberg (Dirigent Arvo Volmer [* 1962], ein Orchester aus Estland), 16.5.2004 Messe in f‑Moll in Friedrichshafen (2004 auf CD [16. Internationales Bodenseefestival 2004] erschienen), 2.11.2005 Requiem in d-Moll (WAB 39) in Tallinn (Dirigent Andres Mustonen [* 1953], Kammerorchester Tallinn).
In den letzten etwa 20 Jahren wurden auch die kleineren Chorwerke einstudiert, vor allem Locus iste (am 24.4.2001 bei der Eröffnung des IV. Starptautiskais zēnu koru festivāls Rīgas Doms 2001 [IV. Internationales Knabenchor Festspiel im Dom von Rīga] wurde das Werk von allen Teilnehmern gesungen) und Ave Maria (WAB 6 [?]). Während der letzten 20–25 Jahre nahmen viele Amateurchöre Lettlands an internationalen Wettbewerben teil, wobei Bruckners Chormusik oft vertreten ist. Dies trägt maßgeblich zur Verbreitung seiner Werke im lettischen Musikleben bei. Am IV. Internationalen Jāzeps Vītols Chordirigenten-Wettbewerb in Riga 2009 waren in der zweiten Runde die Motetten von Bruckner obligatorisch: Ave Maria (WAB 6 [?]), Christus factus est (WAB 11 [?]), Os justi, Pange lingua, Salvum fac, [vier] Tantum ergo, Vexilla regis und Virga Jesse.
Literatur
- Ludvigs Kārkliņš, Simfoniskā mūzika Latvijā [Die sinfonische Musik in Lettland]. Rīga 1990, S. 423ff.
- Hans Schmidt, Benefiz-Matinée des Herrn Zschoppe, in: Rigasche Zeitung 9.5.1888 (www.periodika.lv/periodika2-viewer/view/index-dev.html#panel:pa|issue:/p_003_rzei1888s01n105|article:DIVL101|query:Anton Bruckner|issueType:P [23.9.2020])
- eigene Recherchen
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 23.9.2020
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e7777