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Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel

Korea (Rezeption)

Seit 1948 ist der ostasiatische Staat in Nord- (Demokratische Volksrepublik Korea) und Südkorea (Republik Korea) geteilt. In Südkorea und anderen asiatischen Ländern (Japan, China) ist für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eine zunehmende Popularität abendländischer Kunstmusik zu verzeichnen. Am 20.9.1971 wurde mit der Achten Symphonie, gespielt vom Nationalen Symphonieorchester Koreas (seit 1990 KBS Symphonieorchester) unter der Leitung von Yeon-Taek Hong (Studium in Wien), zum ersten Mal eine Symphonie Bruckners in Südkorea aufgeführt. Die Aufzeichnungen zu diesem Konzert wurden bei einem Brand Mitte der 1970er Jahre vernichtet. Heutige sowie einige der fast über 80-jährigen ehemaligen Orchestermitglieder erinnern sich gerne an die Erstaufführung der Achten und sind stolz auf die Teilnahme an diesem musikhistorischen Ereignis.

Der in Musikerkreisen beinahe unbekannte Komponist Hong engagierte sich weiterhin für die Musik Bruckners: Am 23.10.1973 brachte er mit dem Nationalen Symphonieorchester Koreas im Koreanischen Nationaltheater die Vierte Symphonie zur Erstaufführung. Bereits ein Jahr zuvor, am 15.3.1972, hatte der Gastdirigent Jaroslav Opěla (1935–2016) mit dem Nationalen Symphonieorchester Koreas erstmals die Siebente Symphonie aufgeführt. Über die Erstaufführung der Ersten Symphonie am 5.12.1975 in Pusan durch das Philharmonische Orchester Busan unter der Leitung von Byeong-Ham Han berichtete der japanische Bruckner-Forscher Kazumi Negishi (* 1946). Am 29.4.1989 dirigierte Urs Schneider (* 1939) zum ersten Mal die Zweite Symphonie, die fünf Jahre später anlässlich einer Asientournee durch die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Seiji Ozawa (* 1935) erneut gespielt wurde. Die Neunte Symphonie wurde 1996 unter Othmar Mága (1929–2020), in den 1990er Jahren Chefdirigent des KBS Symphonieorchesters, erstaufgeführt. Die Dritte Symphonie erfuhr am 23.5.2004 durch Yong-Woon Kim (in den 1970er Jahren Musikstudent in Wien), mit dem Symphonieorchester Gwangju ihre Erstaufführung. Es folgte die Sechste Symphonie am 7.10.2005. Dong-Ho Lee, der in den 1980er Jahren am Bruckner-Konservatorium (Anton Bruckner Privatuniversität) in Linz studiert hatte, setzte als dessen Chefdirigent mit dem Jeju Philharmonic Orchestra von 2005 bis 2009 alle Symphonien Bruckners aufs Programm; diese Konzerte wurden sämtlich auf CD eingespielt und teilweise auch auf DVD veröffentlicht. Im Rahmen dieses Bruckner-Zyklus wurden die Fünfte Symphonie am 25.6.2005, die Symphonie in d‑Moll („Annullierte“) am 14.2.2008 und die Symphonie in f‑Moll („Studiensymphonie“) am 1.4.2008 erstaufgeführt.

Aus der Chronologie der Bruckner-Aufführungen ist zu ersehen, dass 1973–1987 seltsamerweise fast nur die Vierte Symphonie gespielt wurde. Dirigenten, die sich für Bruckners Werke einsetzten, waren Yeon-Taek Hong, John Carewe (* 1933), Walter Gillessen (* 1941), Reinhard Peters (1926–2008), Miltiades Caridis (1923–1998) und Kyung-Soo Won (* 1928).

Die erneute Aufführung der Siebenten Symphonie (22 Jahre nach der Erstaufführung) im Jahre 1994 markiert den Beginn eines Bruckner-Booms in Korea. Mága dirigierte in der Saison 1994/95 die Siebente viermal hintereinander mit dem KBS Symphonieorchester. Das Adagio-Thema sowie das Hauptthema des 1. Satzes der Siebenten wurden in der südkoreanischen Fernsehserie Bulmyeolui I Sun-sin (Immortal Admiral Yi Sun-sin) über das Leben des Nationalhelden Yi Sun-sin (1545–1598) 2004/05 als Titelmelodie verwendet und erlangten damit einen Höhepunkt medialer Popularität.

Seit 2004 werden fast alle Symphonien Bruckners von allen städtischen Orchestern regelmäßig gespielt. Auf den verschiedenen Klassik-Webseiten diskutieren heute viele Musikliebhaber leidenschaftlich über die Symphonien Bruckners. Einige Chorwerke sowie Messen Bruckners (z. B. Locus iste, Te Deum, Messe in d‑Moll) werden seit den 1990er Jahren überwiegend durch Chöre der katholischen Kirchen aufgeführt. Das besondere Engagement einiger koreanischer Bruckner-Dirigenten (u. a. Dong-Ho Lee, Eun-Sung Park, Nosang Geum) beruht auf persönlichen Erfahrungen aus der Studienzeit in Österreich (Linz, Wien). Seit 2007 spielt der amerikanisch-koreanische Stardirigent Myung-Wun Chung (* 1953) immer häufiger mit seinem Philharmonischen Orchester Seoul die großen Bruckner-Werke (u. a. Siebente, Achte und Neunte Symphonie). Von November 2014 bis Dezember 2016 führte Hun-Joung Lim mit dem Koreanischen Symphonieorchester am Kunstzentrum Seoul, wie schon von 2008 bis 2013 mit dem Bucheon Philharmonic Orchestra, einen Zyklus mit Bruckners Erster bis Neunter Symphonie auf.

Bisher wurden an koreanischen Musikuniversitäten ca. ein Duzend Abschlussarbeiten über die Musik Bruckners verfasst, vereinzelt auch von koreanischen Studenten an ausländischen Universitäten. 2003 legte Jeong-Jin Hong an der Universität Frankfurt am Main als erster Koreaner eine Dissertation über Bruckner vor (Analyse und Ästhetik der Steigerungsprozesse in der Symphonik Anton Bruckners; Betreuung von Adolf Nowak [* 1941] und Manfred Wagner). Als einziger koreanischer Bruckner-Experte engagiert sich Hong seit 2006 auch als Moderator der Bruckner-Live-Übertragungen sowie der Bruckner-Konzerte der südkoreanischen Rundfunkanstalt KBS.

Bisher wurden zwei einführende Bücher über Bruckner aus dem Japanischen übersetzt. Eine eigenständige Bruckner-Literatur existiert bislang nicht. Derzeit verwalten zwei Bruckner-Liebhaber mit bemerkenswerter Leidenschaft eigene Bruckner-Blogs (Cheol-Koong Shin: http://blog.naver.com/ckshin74; Jung-Ha Lee: http://blog.naver.com/brucknerian ).

In Nordkorea gelangte erstmals 2002 ein Werk Bruckners zur Aufführung. In diesem Jahr unternahm die Junge Deutsche Philharmonie als erstes europäisches Orchester eine Konzertreise nach Nord- und Südkorea und spielte unter der Leitung von Alexander Liebreich (* 1968) Bruckners Achte Symphonie anlässlich des 90. Geburtstages des ehemaligen nordkoreanischen Führers Il-Sung Kim (1912–1994) am 15.4.2002 in Pjöngjang (bundesweite Live-TV-Übertragung) und eine Woche später in Seoul. Die Darbietung desselben Konzerts in beiden Teilen des immer noch politisch geteilten Landes war ein bis heute einmaliges Ereignis von großer diplomatischer Bedeutung. Der Koordinator dieses politischen Bruckner-Projekts Uwe Schmelter (* 1945), der damalige Direktor des Goethe-Instituts in Seoul, wurde später durch den damaligen deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler (* 1943) mit einem Verdienstkreuz ausgezeichnet. Im April 2010 berichtete der bayerische Politiker Peter Gauweiler (* 1949) in der Münchner Abendzeitung von seiner Reise nach Nordkorea, dass bei einem abendlichen Empfang in der deutschen Botschaft in Pjöngjang am 14.4.2010 das Isang-Yun-Orchester neben koreanischer Musik und anderer traditioneller deutscher Kunstmusik auch Bruckner spielte.

Beim 2016 unter dem Motto „Nah & fern“ veranstalteten Internationalen Brucknerfest Linz waren im September das KBS Symphonieorchester, das unter der Leitung von Yoel Levi (* 1950) die Dritte Symphonie zum besten gab, das Philharmonische Orchester Suwon unter Daejin Kim (* 1962), der Pianist Won Kim (* 1972) und der Nationalchor Koreas unter Koo Chun aus Südkorea zu Gast. Das Abschlusskonzert am 29.10.2016 gestaltete die Österreichisch-Koreanische Philharmonie unter Chungki Min.

Literatur
  • Gui-Sun Jung, Über die f-Moll-Messe. Dipl.arb. Seoul 2000
  • Jeong-Jin Hong, Analyse und Ästhetik der Steigerungsprozesse in der Symphonik Anton Bruckners. Diss. 3 Bde. Frankfurt am Main 2003
  • Jeong-Jin Hong, Ästhetik der Höhepunktsbildung und kompositorische Charakteristik in den mittleren und späteren symphonischen Werken Anton Bruckners, in: Korean Society of Music. Seoul 2004, S. 187–213
  • www.abendzeitung-muenchen.de/politik/gauweiler-in-nordkorea-bruckner-hoeren-in-pjoengjang-art-116633 [30.9.2020]

JEONG-JIN HONG

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 30.9.2020