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Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel

China (Rezeption)

Erste Versuche, Bruckners Musik in China bekannt zu machen, fanden in den 1930er Jahren statt. Alois Strassl (1903–1976), 1932–1938 Musikdirektor und Professor an der Universität Nanjing, plante eine Aufführung. Unter der Leitung von Klaus Pringsheim (1883–1972) führte das Symphonieorchester Shanghai am 22.3.1936 im Lyceum in Shanghai mit der Siebenten Symphonie erstmals ein Werk Bruckners in China auf.

In Hongkong, das erst seit 1997 der chinesischen Staatshoheit untersteht, erklang am 16.3.1975 durch das Philharmonische Orchester Hongkong unter Lim Kek-tjiang (* 1928) mit der Vierten Symphonie zum ersten Mal ein Werk Bruckners; seitdem gibt es hier immer wieder Aufführungen von Bruckners Musik.

Nach Reformen, die die 1949 gegründete Volksrepublik China ab 1980 mehr für die Welt nach außen öffneten, wurden zahlreiche Werke von bekannten europäischen Komponisten regelmäßig auf chinesischen Bühnen aufgeführt und vom Publikum gut angenommen. Bruckners Symphonien allerdings wurden weniger oft gespielt, vor allem wegen ihrer Spieldauer, Komplexität und anderen Schwierigkeiten.

1986 entschied das Chinesische Kulturministerium in Peking ein Nationalkonzert zu organisieren, um symphonische Musik bekannter zu machen. Die Bruckner-Premiere fand im Juni 1986 in der berühmten Pekinger Konzerthalle statt. Dabei wurde Bruckners Vierte Symphonie, aber auch Ludwig van Beethovens Fidelio-Ouvertüre durch das Symphonieorchester Shanghai unter der Leitung von Runyu Hou (* 1945) aufgeführt. Laut Runyu Hou war die Aufführung ein großer Erfolg. Das Publikum bestand vor allem aus Musikern aus verschiedenen künstlerischen Vereinigungen Chinas und Mitgliedern ausländischer Botschaften. Nach dem Konzert lobte ein ausländischer Gast die Präzision der Wiedergabe. Einige Tage später wurde das Konzert im Pekinger Haidian Theater wiederholt.

Zehn Jahre nach dieser Premiere spielte man Bruckners Werke öfter in chinesischen Konzerthäusern. Am 26.7.1996 wurde anlässlich von Bruckners 100. Todestag durch das Symphonieorchester Peking unter der Leitung von Hans Herbert Jöris (1925–2008) die Dritte Symphonie aufgeführt. Im selben Jahr dirigierte Martin Sieghart das Bruckner Orchester Linz mit der Ouvertüre in g‑Moll am 24.10. in Shanghai und am 27.10. in Peking. Seitdem werden in China Bruckner-Werke nicht nur durch chinesische Orchester und Dirigenten, sondern auch durch Gastorchester und Gastdirigenten aus dem Ausland dargeboten.

Im Frühling 2001 folgte die Aufführung der Dritten Symphonie durch das Symphonieorchester Shanghai, geleitet von Runyu Hou, in der Shanghaier Konzerthalle; Iimori Yasujiro dirigierte am 4.4.2007 die Siebente und am 9.6.2007 die Dritte Symphonie.

Am 8.12.2007 führte das 1957 gegründete Symphonieorchester Guangzhou unter Claus Peter Flor (* 1953) mit der Siebenten Symphonie erstmals ein Werk Bruckners auf. Es folgte die Aufführung der Siebenten durch das Hong Kong Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Edo de Waart (* 1941) am 21.9.2008 in der Hong Kong Cultural Music Center Hall.

Die Vierte Symphonie wurde am 13.3.2009 durch die Chinesischen Philharmoniker unter Okko Kamu (* 1946) in der Konzerthalle der Verbotenen Stadt in Peking und am 27.6.2009 durch das Symphonieorchester Guangzhou unter C. P. Flor in der Xinghai-Konzerthalle in Guangzhou aufgeführt. Über das Konzert am 27.6. erstatteten die South City News und die New Express News in Guangzhou positiv Bericht. Am 15.3.2009 desselben Jahres präsentierte das Nationale Symphonieorchester China unter der Leitung des Kanadiers Marco Parisotto (* 1963) am Nationalen Zentrum für Darstellende Künste in Peking Bruckners Neunte Symphonie. Darüber gibt es mehrere Berichte, u. a. in den Beijing Young News, den Jing Hua Time News und den Beijing Daily News. Am 21. und 22.10.2009 präsentierte das Leipziger Gewandhausorchester im Shanghai Grand Theater Bruckners Vierte unter Riccardo Chailly.

Am 24.9.2010 führte das Symphonieorchester Shenzhen unter Christian Ehwald (* 1953) die Siebente Symphonie im Shenzhen Grand Theater auf. Das Symphonieorchester Qingdao unter der Leitung von Lior Shambadal (* 1950) spielte am 22.1.2011 die Vierte Symphonie in der Volksversammlungshalle in der Provinz Shandong.

In der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau führten die Wiener Philharmoniker unter Christoph Eschenbach (* 1940) am 10.10.2011 die Vierte Symphonie auf. In der Folgezeit brachte Lü Jia (* 1964) mit dem Orchester Macau in Macau die Siebente (3.3.2012 in der St. Dominikus-Kirche), die Neunte (11.1.2014 in der St. Dominikus-Kirche), die Sechste (24.7.2014) und die Zweite Symphonie (2. Fassung; 29.11.2014 in der St. Dominikus-Kirche) zur Aufführung. Am 28.3.2014 spielten außerdem Mitglieder des Orchester Macau im Dom Pedro V Teatro in Macau das Streichquintett in F-Dur.

Die Berliner Philharmoniker gaben unter Sir Simon Rattle (* 1955) die Neunte am 10.11.2011 in Peking (im Nationalen Zentrum für Darstellende Künste) und am 13.11.2011 in Shanghai (im Shanghai Grand Theater). Am 6.3.2012 spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Daniel Harding (* 1975) am Zentrum der Wissenschaft und der Künste in Suzhou die Fünfte Symphonie. In Hangzhou waren die Hangzhou Philharmoniker am 16.11.2013 im Hangzhou Grand Theater unter der Leitung von Carl St. Clair (* 1952) mit der Siebenten und am 27.6.2015 unter der Leitung von Lan Shui (* 1957) mit der Achten (2. Fassung) zu hören. Die Chinesischen Philharmoniker führten in der Konzerthalle der Verbotenen Stadt in Peking am 10.3.2014 unter Jonathan Nott (* 1962) die Neunte und am 30.6. unter Lan Shui bzw. am 6.7. unter Semyon Bychkov die Achte Symphonie auf. Am 7./8.3.2015 leitete Lü Jia eine Aufführung der Sechsten Symphonie durch das NCPA Orchester am Nationalen Zentrum für Darstellende Künste in Peking.

Seit 1986 wurden in China zahlreiche Aufsätze und Bücher über Bruckner veröffentlicht. Philip Barfords Buch Bruckner Symphonies sowie Karl Grebes und Manfred Wagners Biografien wurden ins Chinesische übersetzt. An Universitäten wurden einzelne Abschlussarbeiten über Bruckner verfasst. Zahlreiche Aufsätze, vor allem zu einzelnen Bruckner-Werken, erschienen in chinesischen Zeitschriften (z. B. in Music Lover, Shanghai).

Mittlerweile sind auch Einspielungen sämtlicher Kompositionen Bruckners in China erhältlich. 2012 kamen mit einer umfangreichen CD-Box der Chinesischen Philharmoniker die ersten Aufnahmen eines chinesischen Symphonieorchesters auf den Markt. Auf 100 CDs sind Konzertmitschnitte des Orchesters mit chinesischen und westlichen Werken zu hören, neben Richard Wagners Tristan und Isolde, Georg Friedrich Händels (1685–1759) Semele und den meisten der Symphonien Gustav Mahlers auch Bruckners Vierte, Achte und Neunte Symphonie.

Literatur
  • Nachrichten, in: Bruckner-Blätter 6 (1934) H. 1/2, S. 14 und 8 (1936) H. 3/4, S. 16
  • Karl Grebe, Anton Bruckner in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1972 [Übersetzung Taizhi Wang/Huizhu Shen 2006]
  • Philip Barford, Bruckner Symphonies. London 1978. [chinesische Übersetzung Shi Pu 1999]
  • Manfred Wagner, Anton Bruckner: Sein Werk – sein Leben (Musikerportraits 1). Wien 1995 [chinesische Übersetzung Hui Zhou 2009]
  • Thng Yi Ren, The Bruckner Problem: An Asian Refraction, in: The Bruckner Journal 21 (2017) H. 3, S. 30–36

SHALI WANG, MEI ZHONG

(Übersetzung: Andrea Partsch)

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 23.9.2020