Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Israel (Rezeption)
Das steigende Interesse an und die Verehrung von Bruckners Musik in Europa und Nordamerika in den 1960er Jahren – nach dem Erscheinen der Langspielplatte und der HiFi-Technologie – wirkte sich erst später auf Israel aus. Hier scheint Bruckner erst auf den Konzertprogrammen der 1980er Jahre in regelmäßigen Abständen auf; ein Kreis von Bruckner-Liebhabern bildete sich erst in den 1990er Jahren aus, als Live-Aufführungen fast alljährlich möglich wurden.
In den 1930er Jahren, als die ersten klassischen Musikinstitutionen wie Konservatorien, Orchester, Gesellschaften und Radiosender gegründet wurden, war in den jüdischen Siedlungen Palästinas nur wenig Interesse an Bruckner vorhanden. Unter britischem Mandat wurden Mitte der 1930er Jahre zwei große Orchester ins Leben gerufen, das Palestine Philharmonic Orchestra mit Sitz in Tel-Aviv (seit 1948 Israel Philharmonic Orchestra), und das Palestine Broadcasting Service Orchestra (ab 1948 Kol Israel Orchestra; seit den 1970er Jahren Jerusalem Symphony Orchestra). Des Weiteren gab es bereits Gastauftritte von auswärtigen Orchestern.
Der erste Anstoß zur Gründung der Orchester kam von Flüchtlingen, die aus Mitteleuropa vor Adolf Hitler und Deutschland nach Palästina geflohen waren. Zu Beginn der 1930er Jahre wurde die Kultur der jüdischen Siedler vor allem durch die früheren Einwanderungswellen der russischen und polnischen Juden beeinflusst. Deren Geschmack war nicht auf Bruckner ausgerichtet. Die deutschsprachigen Flüchtlinge, traumatisiert durch die Nationalsozialisten, hatten ebenfalls kein besonderes Interesse an Bruckners Musik, mit ihrer Verbindung zum Katholizismus und Wagnerianismus. Im Zuge des beginnenden Zionismus bestand ein ausgeprägtes Bedürfnis, in der Diaspora das lang gepflegte jüdische Engagement für die traditionelle europäische Konzertmusik aufrecht zu erhalten. Deshalb richtete sich die Aufmerksamkeit auf die klassische Musik (Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven), die anti-wagnerianische Tradition des 19. Jahrhunderts (z. B. Johannes Brahms), auf Komponisten jüdischer Abstammung (Felix Mendelssohn Bartholdy, Gustav Mahler) und unter dem Einfluss des tschechischen Schriftstellers, Kritikers, Komponisten und Dramaturgen des Habimah-Theaters Max Brod (1884–1968), auf zeitgenössische Komponisten. Unter den zeitgenössischen Musikern bestand zudem der Wunsch, eine neue Schule jüdischer Nationalmusik zu begründen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung des Staates Israel 1948 war die Chance für Bruckners Musik, sich in Israel zu etablieren, noch geringer. Im Anschluss an die Niederlage der Deutschen und im Zuge der wissenschaftlichen und journalistischen Aufarbeitung des Dritten Reichs wurde bekannt, dass Bruckner nach Richard Wagner der von Hitler am meisten geschätzte Komponist war. Die Kultivierung von Bruckners Musik im Konzertleben des Dritten Reiches und speziell in Österreich nach dem Anschluss führte zu einem tiefen Misstrauen, das sehr bestimmt wurde von Israelis in der österreichischen und deutschen Musiktradition nach Wagner.
Während der 1950er und 1960er Jahre richtete sich das musikalische Interesse in Israel, hinsichtlich der symphonischen Tradition gegen Ende des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, verständlicherweise auf Mahler, nicht auf Bruckner. Vor allem durch den Einfluss Leonard Bernsteins, der lebenslänglich eine intensive, wenn auch komplizierte Verbindung mit Israel und dem Israel Philharmonic Orchestra pflegte, nahm Mahler, gemeinsam mit Brahms als Träger der symphonischen Tradition nach Beethoven, den Schwerpunkt im Repertoire ein, was auch für das israelische Publikum den Weg zu Bruckner öffnete.
Der Durchbruch in der Bruckner-Rezeption in Israel fiel mit dem Antritt Zubin Mehtas als Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra in den späten 1970er Jahren und der hervorragenden Stellung, die er seitdem in dieser Position einnimmt, zusammen. Am 25.3.1963 führte Mehta mit dem Israel Philharmonic Orchestra Bruckners Neunte Symphonie in der Ausgabe von Leopold Nowak im Fredric R. Mann Auditorium (seit 2013 Charles Bronfman Auditorium) von Tel Aviv auf – das Konzert wurde auch aufgenommen. In den späten 1980er Jahren spielte Mehta dann die Dritte und Achte Symphonie, 1989 die Symphonie in d-Moll („Annullierte“) und die Achte, 2012 die Siebente und 2014 nochmals die Achte ein. Bruckner-Aufführungen gewannen in den 1980er Jahren unter dem Einfluss von Mehta und Daniel Barenboim, der 1990 mit den Berliner Philharmonikern und der Siebenten Symphonie nach Israel kam, an Regelmäßigkeit. Das Israel Philharmonic Orchestra besitzt einen Satz Wagner-Tuben, nur um Bruckner-Aufführungen realisieren zu können.
Obwohl Bruckner in den späten 1980er Jahren ab und zu auf dem Programm des Jerusalem Symphony Orchestra unter Gary Bertini (1927–2005) aufschien, werden seine Werke von diesem Orchester erst seit 2003 regelmäßig gespielt. Während der Zeit Leon Botsteins als musikalischem Direktor wurden zwischen 2003 und 2010 die Erste, Dritte, Vierte, Fünfte, Siebente und Neunte Symphonie aufgeführt, erstmals in der Geschichte des Orchesters als landesweit übertragene Konzerte. Für die Aufführung der Fünften Symphonie wurde sowohl die Kritische Gesamtausgabe als auch der sehr umstrittene Erstdruck der Schalk-Fassung, herangezogen. Die Erstfassung der Dritten Symphonie wie auch die Fassung von Ferdinand Löwe der Vierten erfuhren durch das Jerusalem Symphony Orchestra ihre israelische Erstaufführung. Tatsächlich wurden strittige Fragen zu Bruckner wie auch Diskussionen um die verschiedenen Fassungen und Ausgaben unter Teilnahme führender Musikwissenschaftler der Hebrew University, speziell Ruth Katz (* 1927) – die mit Carl Dahlhaus (1928–1989) zusammengearbeitet hatte – und Ruth Ha-Cohen (* 1956), öffentlich abgehalten.
Bruckners Stellung im heutigen Musikleben Israels entspricht ungefähr jener, die er in Europa und Nordamerika einnimmt. Jedes Jahr gibt es Aufführungen seiner Symphonien. Sogar in Israels Chorszene hat Bruckner, trotz der überwältigenden Überzahl an Nicht-Christen, einen Platz gefunden. Im Juni 2011 nahm der Chor der Akademie für Musik und Tanz Jerusalem mit einem Repertoire, das auch Bruckners Ave Maria (WAB 6 [?]) enthielt, an einem europäischen Wettbewerb teil.
Die bemerkenswerte steigende Beliebtheit von Bruckners Musik, speziell unter dem Publikum des Israel Philharmonic Orchestra und des Jerusalem Symphony Orchestra, steht ganz im Gegensatz zum Schicksal von Wagners Musik, welche noch immer von öffentlichen Aufführungen ausgeschlossen ist. Bruckners Verbindung zu Gruppen mit reaktionärem politischem Antisemitismus im späten 19. Jahrhundert, speziell in den 1890er Jahren, seine Verehrung Wagners, Hitlers Bewunderung für seine Musik und der Platz, der Bruckner in der Hierarchie der Nazi-Ästhetik eingeräumt wurde, spielen für das Publikum und die Presse in Israel heute keine Rolle mehr.
LITERATUR
- Meir Katz, Bruckner and religious experience in music, in: Programmheft 25.3.1963 (ÖNB-MS, F60.BRGA.226/6)
- www.abruckner.com/sitesearch/searchdiscographyd/default.htm?search=Israel [30.9.2020]
- eigene Recherchen
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 30.9.2020
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e7631