Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Hitler, Adolf
* 20.4.1889 Braunau am Inn, Oberösterreich/A, † 30.4.1945 Berlin/D (Suizid). NS-Politiker, Reichskanzler.
Der Sohn des Zollbeamten Alois Hitler (1837–1903) und dessen 3. Frau Klara, geb. Pölzl (1860–1907), übersiedelte nach vier Klassen Realschule in Linz und Steyr (ohne Abschluss) 1907 nach Wien, um an der Akademie der bildenden Künste Malerei und Architektur zu studieren. Im Rahmen des Zulassungsverfahrens der Akademie zweimal gescheitert, lebte er von einer Waisenrente, dem väterlichen Erbteil, Unterstützungen einer Tante und kleineren Erträgen von seinen Malereien von Plakaten und Ansichtskarten. 1913 Übersiedlung nach München, 1914 Freiwilliger im Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 16, 1918–1920 als Aufklärungsredner der Reichswehr tätig. 1919 Eintritt in die Deutsche Arbeiterpartei (1920 Umbenennung in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei), 1921 Übernahme der Parteiführung. Nach seinem Versuch, die bayerische und Reichsregierung zu stürzen, kam Hitler 1924 in Haft, während der er sein politisches Programm und seine Weltanschauung (Mein Kampf) niederschrieb. Nach der erfolglosen Kandidatur um das Reichspräsidenten-Amt (1932) wurde Hitler 1933 von Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847–1934) zum Reichskanzler ernannt. Nach Hindenburgs Tod vereinigte Hitler die Ämter des Reichspräsidenten und -kanzlers in seiner Person. 1938 verkündete er nach dem Einmarsch der deutschen Truppen den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich. Seine Persönlichkeit war geprägt von einer selbstgeschaffenen Fantasiewelt und gestörten Realitätsbeziehung, von unbegrenztem Vermögen zu hassen und einer demagogischen Virtuosität (vgl. Fest), mit der er die Massen gegen das Judentum und sogenannte Mischlingsrassen aufbrachte. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges verübte er mit seiner Frau Eva Braun (1912–1945) Selbstmord.
Zu Hitlers musikalischen Vorlieben zählten neben Werken Richard Wagners und Franz Lehárs (1870–1948) Operette Die Lustige Witwe vor allem auch die Symphonien von Bruckner, von denen er bereits in jungen Jahren „ergriffen und bewegt“ war (Kubizek, S. 251). Schon vor dem „Anschluss“ Österreichs wurde Bruckner politisch instrumentalisiert und symbolisch als „deutscher Komponist“ ins Reich „heimgeholt“. So kam es 1937 im Regensburger Marmortempel Walhalla (Gedenkstätten) bei einem festlichen Akt zur Aufstellung einer Bruckner-Büste (IKO 273, Ikonografie) von Adolf Rothenburger (1883–1972) . Sie war die erste und einzige, die auf Beschluss Hitlers hier errichtet wurde. Zu diesem Anlass erhielt der Reichskanzler als erster die Ehrenmedaille der Internationalen Bruckner-Gesellschaft.
Die Vereinnahmung des „Originalgenies“ Bruckner, dessen „bäuerliches Wesen“ sehr gut in die nationalsozialistische „Blut und Boden“-Ideologie passte, entsprach auch den Vorstellungen Hitlers. Der Reichskanzler selbst sah darüber hinaus auch biografische Parallelen. Während Wagner für Hitler als großes und unerreichbares Vorbild galt, identifizierte sich der Reichskanzler mit Bruckner. Aufgrund der gemeinsamen Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen Oberösterreichs sowie der ebenfalls gemeinsam erlebten „Ablehnung“ als Künstler in Wien, deren Ursache Hitler auf jüdische Einflüsse schob, und nicht zuletzt aufgrund der gemeinsamen Verehrung Wagners, fühlte sich Hitler Bruckner persönlich nahe. Eine 1942 getätigte Äußerung zu Bruckners Siebenter Symphonie bestätigt diese Verbundenheit: „Lauter Volksweisen aus Oberösterreich, nichts wörtlich übernommen, aber doch Stück für Stück Ländler und anderes, das mir aus meiner Jugend vertraut ist. Was der Mann aus dem an sich so primitiven Stoff gemacht hat! […] Man kann sich denken, was für einen schweren Stand das kleine Bäuerlein gehabt hat, als es nach Wien gekommen war, in diese großstädtisch verdorbene Gesellschaft!“ (zit. n. Hamann, S. 98).
Möglicherweise war Hitler bereits in Linz durch die Stiftungskonzerte von August Göllerich auf Bruckner aufmerksam geworden. Sein Jugendfreund August Kubizek (1888–1956) berichtete jedoch, Hitler habe im Wiener Musikverein erstmals ein Werk Bruckners gehört und war von der damals gespielten Vierten Symphonie „in jeder Beziehung berauscht“ (zit. n. Hamann, S. 98). Schon in seiner Jugendzeit entstanden Hitlers Pläne, dass Linz für Bruckner wie Bayreuth für Wagner zu einer Stätte seines Werkes gemacht werden müsse. Auch die Idee, ein „mobiles Reichsorchester“ zu gründen, das sämtliche Bruckner-Symphonien im Repertoire haben müsste, entstand damals. Seine Jugendfantasien setzte Hitler später in den Planungen um, Linz als „Führerstadt“ zu etablieren, denn im Zuge der Linzer Neugestaltung nahm für ihn Bruckner eine bedeutende Rolle ein. Hitler selbst entwarf für einen Brucknerplatz ein Bruckner-Denkmal (IKO 292; Denkmalprojekte) und wünschte ein eigenes Bruckner-Konzerthaus („Bruckner-Halle“). Wahrscheinlich hatte Hitler auch eine 1940 für die Reichskanzlei angekaufte Bruckner-Büste von Felix Pfeiffer (1871–1945) für Linz vorgesehen. Außerdem beabsichtigte Hitler den Bau eines Glockenturms, der als Grabmal seiner Eltern zu besonderen Anlässen Passagen aus Bruckners Vierter Symphonie spielen sollte.
Hitler wünschte das Stift St. Florian im Sinne der Bruckner-Pflege zu einer Bruckner-Weihestätte umzugestalten. Hier wollte er u. a. eine Bruckner-Musikhochschule als „Konservatorium Europas“ etablieren. 1942 wurde das Stift Zentrum des Großdeutschen Rundfunks, verbunden damit war die Gründung eines Reichs-Bruckner-Orchesters sowie des Bruckner-Chores St. Florian. Im April 1943 wurden die Orchestermitglieder des Reichs-Bruckner-Orchesters – nach Hitlers Wunsch das künftige „Orchester des Führers“ – am Sarkophag Bruckners vereidigt. Weitere – letztlich gescheiterte – Pläne von Hitler und Joseph Goebbels (1897–1945) betrafen die Verlegung der Internationalen Bruckner-Gesellschaft sowie des Bruckner-Verlages nach St. Florian bzw. nach Braunau. Die beiden Machthaber setzten sich ferner für die Ausarbeitung der „Originalfassungen“ ein, die im Zuge der neuen Bruckner-Gesamtausgabe entstanden und entsprechend der offiziellen antisemitischen Hetze von „fremden Händen gereinigt“ wurden.
Hitlers großes Interesse an Bruckners Schaffen wird auch darin bestätigt, dass er der damaligen Besitzerin Alma Mahler (1879–1964) für das Autograf der Dritten Symphonie 7.500 Dollar geboten hatte (Mahler-Werfel, S. 334f.).
Seine Vorliebe für Bruckners Kompositionen zeigte Hitler gerne öffentlich und wünschte u. a. bei den Nürnberger Parteitagen 1937 nach seiner Kulturrede das Finale der Fünften Symphonie. Zudem hatte er angeordnet, die Nachricht über seinen „Heldentod“ am 30.4.1945 im Rundfunk mit dem Adagio der Siebenten Symphonie zu begleiten, weiters erklang Wagners Götterdämmerung.
Schriften
- Mein Kampf. 2 Bde. 1925–1927
- Bilder aus dem Leben des Führers. Altona–Bahrenfeld 1936
Literatur
- August Kubizek, Adolf Hitler. Mein Jugendfreund. Graz–Göttingen 1953
- Alma Mahler-Werfel. Mein Leben. Frankfurt am Main 1960
- Hermann Giesler, Ein anderer Hitler. Bericht eines Architekten Hermann Giesler. Erlebnisse, Gespräche, Reflexionen. 2. Aufl. Leoni 1977
- Joseph Wulf (Hg.), Musik im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Gütersloh 1963, S. 248f.
- Bruckner-Stift St. FlorianHanns Kreczi, Das Bruckner-Stift St. Florian und das Linzer Reichs-Bruckner-Orchester (1942–1945) (Anton Bruckner. Dokumente und Studien 5). Graz 1986
- Bryan Gilliam, The Annexation of Anton Bruckner: Nazi Revisionism and the Politics of Appropriation, in: The Musical Quarterly 78 (1994) Nr. 3, S. 584–604
- Benjamin Marcus Korstvedt, Anton Bruckner in the Third Reich and After: An Essay on Ideology and Bruckner Reception, in: The Musical Quarterly 80 (1996) Nr. 1, S. 132–160
- Albrecht Dümling, Der deutsche Michel erwacht. Zur Bruckner-Rezeption im NS-Staat, in: Albrecht Riethmüller (Hg.), Bruckner-Probleme. Internationales Kolloquium 7.–9. Oktober 1996 in Berlin. Stuttgart 1999, S. 202–214
- Harry Slapnicka, Hitler und die Nationalsozialisten vereinnahmen den „Spielmann Gottes“, Anton Bruckner, in: Harry Slapnicka, Hitler und Oberösterreich. Mythos, Propaganda und Wirklichkeit um den „Heimatgau des Führers“ (Edition Geschichte der Heimat). Grünbach 1998, S. 131–138
- Brigitte Hamann, Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. 3. Aufl. München 2000
- Ingo Sarlay, Adolf Hitlers Linz. Architektonische Visionen einer Stadt, in: Birgit Kirchmayr (Hg.), „Kulturhauptstadt des Führers“. Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich. Ein Projekt der Oberösterreichischen Landesmuseen in Kooperation mit Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas. (Kataloge der Oberösterreichischen Landesmuseen N.S. 78). Linz 2008, S. 65–78
- Regina Thumser, Klänge der Macht. Musik und Theater im Reichsgau Oberdonau, in: Birgit Kirchmayr (Hg.), „Kulturhauptstadt des Führers“. Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich. Ein Projekt der Oberösterreichischen Landesmuseen in Kooperation mit Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas. (Kataloge der Oberösterreichischen Landesmuseen N.S. 78). Linz 2008, S. 223–239
- Christa Brüstle, Anton Bruckner – Kultfigur im Nationalsozialismus, in: Regina Thumser-Wöhs (Hg.), Klänge der Macht. Nationalsozialistische Musikpolitik in Oberösterreich (Oberösterreichische Schriften zur Volksmusik 9). Linz 2010, S. 29–38
- Christa Brüstle, Joseph Goebbels als „Bruckner-Interpret“. Kontexte der Walhalla-Rede, in: Bruckner Jahrbuch 2006–2010, S. 7–29
- Art. „Hitler, Adolf“, in: www.biographien.ac.at [15.1.2020]
- Joachim Fest, Art. „Hitler, Adolf“, in: www.deutsche-biographie.de [15.1.2020]
- www.dhm.de/lemo/biografie/adolf-hitler [15.1.2020]
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 15.1.2020
Medien
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Abbildungen
Abbildung 1: Hitler nach der Enthüllung der Bruckner-Büste in der Walhalla am 6.6.1937, in: Neue Zeitschrift für Musik 104 (1937) H. 7, S. 740/2
Normdaten (GND)
Hitler, Adolf: 118551655
Links
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e1893