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Methodik

Zum Vergleich und zur Identifizierung der verschiedenen Schreibprofile verwendeten die Autoren ein System der graphologischen Analyse, das durch Bengtssons und Danielsons erstmals in einer Studie über den schwedischen Komponisten Johan Helmich Roman erprobt wurde.7 Die Handschrift jedes Kopisten wurde dazu in einzelne Grapheme unterteilt – kleinstmögliche Einheiten, die das Schreibprofil einer Person bzw. eines Schreibers definieren. Für die Analyse der Schreibprofile ist für den überwiegenden Teil der Musikhandschriften des 19. Jahrhunderts bspw. die halbe Note eine adäquate Einheit, da sie in nahezu sämtlichen Handschriftentypen in verschiedenen Ausprägungen vorkommen kann: Form und Richtung des Notenkopfes (rund, länglich, quadratisch, von links unten nach rechts oben geneigt usw.). Die Richtung und Lage des Notenhalses (rechts, links, oben, unten, getrennt oder verbunden mit dem Notenkopf usw.). Die Art und Weise, in der die Note geschrieben ist (ein Strich, zwei Striche, drei Striche, von oben nach unten, usw.). Das Schreibgerät (Bleistift, Tinte, Art der Feder, Farben usw.). Das Papier (Hoch- oder Querformat, handgeschöpft, maschinell hergestellt, Herstellerlogos, Wasserzeichen, Farbe und Breite der Striche, usw.). Die Lage der Note in der Notenzeile bzw. zu den Hilfslinien. Die Position der Note auf der Seite sowie das Größenverhältnis zwischen Note und Notenzeile.

Jede der hier vorgestellten Ausprägungen einer halben Note kann als unterschiedlich definiertes Graphem gewertet werden. In den meisten Musikhandschriften des 19. Jahrhunderts – die Bruckner’schen Autographe und Abschriften eingeschlossen – legen jedoch die Unterteilung in größer gefasste Kategorien nahe, die in ihrer Gesamtheit die Konstitution der Schreibprofile sowie deren Vergleich ermöglichen: Notenschlüssel: G-, C- und F-Schlüssel Akzidenzien: Erhöhung-, Erniedrigungs- und Auflösungszeichen Taktangaben: 3/4, 6/8, C, usw. Pausen: Ganze, Halbe, Viertel, Achtelpausen, usw. Notenköpfe: Ganze, Halbe, Viertel, Achtelnoten (Balkung oder Fähnchen), usw. Dynamik: f, p, forte, piano, crescendo- und diminuendo-Zeichen, usw. Andere Notationssymbole: geschweifte Klammern, Taktstriche, Wiederholungspunkte, Triolen, Bindungen, Phrasenmarken, Staccatopunkte, Akzente usw. Verbale Vortragsanweisungen: Andante, bewegt, langsam, usw. Instrumenten- und Stimmenbezeichnungen: Sopran, Violine Imo, Fl. I, Ob. usw. Diverse Buchstaben und Zahlen: Paginierung, Stimmenzahlen, Orientierungsbuchstaben usw. Namensschreibweisen der Komponisten oder Textautoren.
Im vorliegenden Katalog wurden die Kopisten auf der Grundlage der oben angeführten Kategorien analysiert und untereinander verglichen.

Wenngleich die Identifizierung und Unterscheidung von Schreibprofilen durch diese Methodik in großen Maße objektivierbar ist, sind gewisse Unschärfen bei der Bestimmung des Schreibprofils nicht auszuschließen. Viele Faktoren lassen sich anführen, die zu Varianten im Schreibprofil führen: dazu zählen die bewusste Veränderungen aufgrund kalligraphischer Anforderungen, Abweichungen und Veränderungen aufgrund des Alters, der Stimmung oder körperlichen Verfassung des Kopisten. Weiterhin können auch veränderte Beleuchtungsgrade – neben Tageslicht dienten nur Kerzen oder Öl- und Petroleumlampen als Lichtquellen – die Schreibsituation verändern und damit auch Variationen im Schreibprofil hervorrufen.

Eine besondere Unwägbarkeit bilden die Titelblätter vieler Abschriften, da diese meist elaborierter als der Rest der Abschrift gestaltet sind. Um diese Problemstellung nicht unberücksichtigt zu lassen, wurden derart aufwendig kalligraphierte Titelblätter nicht in die Auflistungen einzelner Kopisten miteinbezogen. Konträr zur Unbestimmbarkeit des Zusammenhanges zwischen Titelblatt und folgender Abschrift zeigen sich auch Einzelfälle in denen Kopisten das Schreibprofil eines anderen Kopisten nachahmen: so bemühte sich bspw. Anonymus 001 (L), der für Stimmensätze und weitere Abschriften eng mit Schimatschek zusammenarbeitete, erkennbar bewusst um die Nachahmung der Handschrift Schimatscheks. Spekulativ lassen sich solche Annäherungen auf das Bestreben eines einheitlichen Erscheinungsbildes der Abschriften oder die gleiche schreibspezifische Sozialisation zurückführen. Lediglich die Vielzahl an erhaltenen Abschriften beider Kopisten ermöglichte letztendlich die Unterscheidung. Gerade für Kopisten bei denen bisher nur eine Abschrift vorliegt, kann eine etwaige Fehlattribution daher als wahrscheinlich gelten, da sich erst mit der steigenden Anzahl an dokumentierten Schreibcharakteristika die Qualität der Analyse steigert und somit Unschärfen ausgeschlossen werden können.

Neben den genannten Abweichungen, die in verschiedenen Faktoren begründet liegen, lassen sich noch zwei weitere denkbare Szenarien beschreiben, die zu Fehlzuschreibungen führen können: Einerseits können geschriebener Notentext und unterlegte Textierung innerhalb einer Abschrift von zwei verschiedenen Schreibern angefertigt worden sein. Dabei ist es ohne weitere Vergleichshandschriften beider Kopisten nahezu unmöglich mit der vorgestellten Analyse der Grapheme beide Schreiber gesichert zu bestimmen bzw. zu unterscheiden. Andererseits müssen Signierung und Datierung einer Abschrift insofern angezweifelt werden, als dass es sich dabei um „wörtlich“ abgeschriebene Datierungen oder Unterschriften aus der jeweiligen Vorlage handeln könnte. Diese Praxis ist vor allem bei den von Max Auer und Kopist J. H. im Rahmen der Göllerich-Auer-Biographie angefertigten Abschriften festzustellen, in denen jedoch zumeist die autographe Datierung und Signierung Bruckners übertragen wurde. Sollten weitere Kopisten ähnlich vorgegangen sein, ist es verständlicherweise nur mittels der Kopiervorlage selbst oder mit weiteren Abschriften des Kopisten möglich eine solche Datierung zu falsifizieren. Unter Berücksichtigung der genannten Problemstellungen die zu Fehlzuschreibungen führen könnten, sollten, wie Bengtsson und Danielson betonen, „die Risiken von Fehlern nicht übertrieben werden”, wenn eine positive Identifizierung erfolgte.8 Vor allem weitere brucknerspezifische Quellenfunde sowie komponistenübergreifende Untersuchungen werden helfen, den vorliegenden Katalog zu ergänzen und zu verbessern.

Fußnoten

  1. Ingmar Bengtsson und Ruben Danielson, Handstilar och Notpikturer I kungl. Musikaliska Akademienz Roman-Samling. Uppsala, 1953.
  2. Bengtsson/Danielson, Handstilar och Notpikturer I kungl. S. 121 [Übersetzung der Verfasser].