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Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel

Programmmusik

Ein mehrschichtiger Terminus, dessen Verwendungsbereich von tonmalerisch geprägten Vokal- und Instrumentalsätzen über musiktheatralische Stücke (z. B. Schauspiel-Ouvertüren) bis hin zu ein- und mehrsätzigen Werken symphonischen Zuschnittes (Symphonien) reicht. Im engeren Sinne wird damit die in Umkreis und Nachfolge der Neudeutschen Schule entstandene Instrumentalmusik mit außermusikalischen Sujets bezeichnet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts spitzte sich die ästhetische Debatte zur heftig umstrittenen Polarisierung „Programmmusik“ versus „absolute Musik“ zu, von der Bruckner in der Publizistik unmittelbar betroffen war.

Wenn er auch einzelne Elemente aus der Neudeutschen Schule in seine Musiksprache aufgenommen hat (Handwerklich-Technisches, avancierte Harmonik), stand er dennoch in deutlicher Gegenposition zu dieser und komponierte folgerichtig kein Werk der neudeutschen Kerngattungen (Winkler, S. 57ff.). Ebenso war er von der Auffassung, dass jeder wahren Musik eine poetische Idee zugrunde liegen müsse, oder von Franz Liszts Zugang, Werke der Weltliteratur gleichsam symphonisch darzustellen, weit entfernt.

Seine oft zitierten, aber wenigen hermeneutischen Bemerkungen zur Vierten und zur Achten Symphonie sind nachträgliche, punktuelle Vermerke („mittelalterliche Stadt“, „Von den Stadttürmen ertönen Morgenweckrufe“, „Vogelsang“ bzw. „deutscher Michel“ u. a.). Ohne Zweifel dokumentieren sie bildhafte Vorstellungen und plakative Hinweise bzw. populäre Verstehenszugänge für die Hörer, stellen aber für die betreffenden Werke keinen schlüssigen, mit der Kompositionsstruktur verbundenen poetischen Inhalt dar.

Die des Öfteren verwendeten Ausdrucksmodelle aus der religiösen Sphäre (Misterioso, Choral), aus der Volksmusik (stilisierte Ländlertypik) oder naturhafte Klänge (Hornrufe zu Beginn der Vierten Symphonie) verweisen stärker auf die alte Tradition (Einflüsse und Vorbilder) der „charakteristischen Symphonie“ bzw. Genre-Symphonie. So enthalten die zahlreichen, beliebten Jagd-, Sturm- und Militärsymphonien bestimmte semantische Zeichen, ohne aber einem narrativen Prozess zu folgen.

Auch die mehrfachen Zitate aus der Kirchenmusik (z. B. das zweimalige, der Messe in f‑Moll entnommene „Benedictus“-Zitat im langsamen Satz der Zweiten Symphonie) widersprechen – als mögliche punktuell gesetzte Semantisierung – nicht der grundsätzlich metaphysisch ausgerichteten Musikauffassung Bruckners. So vermied er bis zuletzt konsequent Vokalstimmen in seiner Symphonik. 1893 schrieb er bezeichnend an Gustav Mahler: „Hans Richter schwelgt jetzt für meine Composit[ionen] u[nd] hat viermal gesagt: weitaus sei ich der erste Tondichter nament[lich] Symphoniker nach Beethoven; u[nd] Wagner sagte einst bei Tische, nur Einer sei noch, dessen Gedanken in der absoluten Musik denen Beethovens an die Seite gesetzt zu werden verdienen, u[nd] der wäre ich.“ (Briefe II, 930407).

Die in der Forschung zum Teil sehr heftig geführte Debatte über Bruckner als „absoluten“ oder „programmatischen“ Symphoniker – ein Höhepunkt war die Kontroverse zwischen Constantin Floros und Carl Dahlhaus (1928–1989) um die Achte Symphonie (s. Dahlhaus) – hing wesentlich mit persönlichen Definitionen und Wertungen zusammen. Floros versteht offenkundig „absolute Musik“ ohne jegliche affektive Komponente (s. Floros 2004, S. 131). Doch schon im Lehrbuch der musikalischen Komposition (1850) von Johann Christian Lobe (1797–1881), das Bruckner während seiner Ausbildung studierte, wird festgehalten, dass Tonmalerei auch in „reiner Instrumentalmusik“ vorkommen kann und die „Objekte dafür hauptsächlich in dem Gemüthe liegen“ (Lobe, S. 441), d. h. subjektive Eindrücke maßgeblich sind.

Literatur

ERICH WOLFGANG PARTSCH

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 1.9.2017