Zum Hauptinhalt springen

Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel

Bruckner-Rhythmus

Es handelt sich um eine für Bruckner typische Steigerungsart (Stilmerkmale), die in häufig anzutreffenden und charakteristischen Figuren bestehend aus Duolen und Triolen (Ulm, S. 104, 122) als „elementarer Bestandteil der Brucknerschen Kompositionsweise“ (Ochmann, S. 33) gelten. Meist werden zwei Viertel bzw. Halbe mit triolischen Viertelnoten verbunden (Vierte Symphonie, 1. Satz ab T. 43; Dritte, 1. Satz, ab T. 8; Sechste, 1. Satz ab T. 22; Achte, 1. Satz ab T. 34).

Notenbeispiel 1: Nr. 66, aus: Kurth, Bd. 1, S. 530.

Der Bruckner-Rhythmus ist also definiert durch das ständige Nebeneinander und/oder Übereinander von Zweier- und Dreierbildungen in der Rhythmik.

Ernst Kurth (Bd. I, S. 529f.) nennt ihn „Bruckners Schicksalsrhythmus“, als „Ausdruck seiner ganzen inneren Formbewegung“. Tronnier verweist ebenso wie Manfred Wagner auch auf den Einfluss Richard Wagners (z. B. „kühlende Labung spendet der Quell“ aus Siegfried, 1. Akt).

Notenbeispiel 2: Erste Symphonie (Fsg. 1866), 2. Satz, Streicher, T. 30-34.

Notenbeispiel 3: Sechste Symphonie, 1. Satz, Streicher, T. 49-52 (2. Thema).

Oskar Loerke schreibt zur Achten Symphonie: „Melodische Doppelerfindungen, besonders in den Gesangsthemengruppen, verbinden zwei Lebensstimmungen, eine mehr menschliche und eine mehr naturhafte. Sprichwörtlich sind solche Koppelungen geworden wie die im dritten Finale, wo ein Choral und ein Ländler gleichzeitig miteinander gehen: hier trägt man einen Toten hinaus, und nebenan tanzt man auf der Hochzeit – in diesem Sinne drückte sich Bruckner darüber aus. So kommt die zwei- und dreiteilige Hälfte des Brucknerrhythmus übereinander zu stehen, wie es noch viele andere Kontrapunkte der Rhythmen gibt. Sinnbildlich gesprochen, liegen Kristallinisches und Schwarzerdiges in den verschiedenen Sätzen horizontal widereinander.“ (S. 173f.).

Literatur
  • Ernst Kurth, Bruckner. 2 Bde. Berlin 1925
  • Richard Tronnier, Der „Bruckner“-Rhythmus, in: Signale für die musikalische Welt 84 (1926) Nr. 51/52, S. 1834ff.
  • Oskar Loerke, Anton Bruckner. Ein Charakterbild. Berlin 1938
  • Manfred Wagner, Die Melodien Bruckners in systematischer Ordnung. Ein Beitrag zur Melodiegeschichte des 19. Jahrhunderts. 3 Bde. Diss. Wien 1970
  • Patrick Ochmann, Anton Bruckner und die Rezeptionsgeschichte seiner Symphonien (Europäische Hochschulschriften, Reihe 36, Musikwissenschaft 211). Frankfurt am Main–Wien 2001
  • Renate Ulm (Hg.), Die Symphonien Bruckners. Entstehung, Deutung, Wirkung. München 2005

ANDREA HARRANDT

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 7.5.2018