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Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel

Litauen (Rezeption)

Nach einer bewegten Geschichte proklamierte die Regierung Litauens am 16.2.1918 in Vilnius die Unabhängigkeit Litauens. In dieser Zeit begannen sich erste Institutionen mit der Nationalkunst zu beschäftigen. Die Unabhängigkeit Litauens musste in Kämpfen mit Russland, der polnischen Armee und deutsch-polnischen Einheiten verteidigt werden.

1920–1939 war ein Teil Litauens von Polen okkupiert. In dieser Zeit verlagerte sich das kulturelle Leben von Vilnius nach Kaunas. Das Konzertrepertoire war dominiert von Komponisten der Wiener Klassik und der Romantik, aber auch Werke von Richard Strauss, Claude Debussy (1862–1918), Arthur Honegger (1892–1955) und Igor Strawinsky (1882–1971) wurden aufgeführt. Nahezu 20 ausländische Dirigenten – Hermann Scherchen, Franz von Hoeßlin (1885–1946), Sebastian George (1903–1989), Helmuth Thierfelder (1897–1966), Paul Breisach (1896–1952), Gaston Poulet (1892–1974), Rhené Baton (1879–1940), Gustave Cloez (1890–1970), Napoleone Annovazzi (1907–1984) etc. – besuchten Kaunas, manche auch Klaipeda. Aber nur Paul Scheinpflug (1875–1937) nahm Bruckners Vierte Symphonie in sein Konzertprogramm auf. Darüber schrieb das Tagblatt Lietuvos aidas (Das Echo Litauens) am 23.2.1937: „reich an Phantasie, erhaben, klug, eine religiöse, ganz vergeistigte Stimmung“. Sehr wahrscheinlich dirigierte Scheinpflug Bruckner auch in Klaipeda. Er gab damals mehrere Konzerte mit dem Deutschen Collegium Musicum. Seit 1925 konzertiert hier auch das Orchester des Litauischen Konservatoriums. Am 6.12.1942 folgte die Erstaufführung der Dritten Symphonie unter Jeronimas Kačinskas (1907–2005), der auch als Komponist von mikrotonalen und athematischen Werken bekannt wurde. (Er studierte bei Jaroslav Křička Komposition am Prager Konservatorium, Dirigieren bei Pavel Dědeček und Metod Doležil und mikrotonale Komposition bei Alois Hába.) Im Juni 1940 wurde Litauen von der Sowjetunion und im Juni 1941 von Nazi-Deutschland besetzt. Während des Krieges war das Konzertleben sehr aktiv.

Das Ende des Krieges und die sowjetische Besetzung splittete die litauische Kulturwelt in zwei Teile. Viele Tausende konnten in den Westen flüchten, ein größerer Teil aber wurde verschleppt oder getötet. In der Folge wurde die Hälfte der katholischen Kirchen, Kapellen, Klöster und drei von vier Priesterseminaren geschlossen. Das Sowjetregime verabscheute Bruckners Musik wegen ihrer Religiosität (Persönlichkeit) und Popularität im Dritten Reich (Nationalsozialismus). Eine der wenigen Aufführungen von Bruckners Vierter Symphonie fand am 12.12.1956 in der Vilnius Philharmonic Hall statt.

In den 1960er Jahren lockerten die Kommunisten die bis dahin sehr strenge Kontrolle des kulturellen Lebens. Juozas Domarkas (* 1936), Chefdirigent des Lietuvos nacionalinis simfoninis orkestras, erinnert sich an seine Studienzeit am Leningrader Konservatorium: „1962 wurde Gustav Mahlers Musik still legalisiert. Studierende des Leningrader Konservatoriums führten seine Dritte Symphonie auf. Mahler, Wagner, Bruckner, Richard Strauss waren zu dieser Zeit personae non gratae. Ihre Musik wurde als ideologisch unpassend eingestuft.“ (Gerulaitis, S. 109).

Musik von Richard Wagner (Opern-Ouvertüren, Wotans Abschied und einige Opernfragmente) und R. Strauss (Till Eulenspiegels lustige Streiche) tauchten ab 1955 wieder im Konzertrepertoire auf. Lohengrin war die erste Wagner-Oper, die nach dem Krieg auf der Opernbühne aufgeführt wurde. 1966 dirigierte Domarkas zum ersten Mal Gustav Mahlers Erste Symphonie (später folgten weitere) und Bruckners Vierte Symphonie.

Jonas Aleksa (1939–2005), 1975–1990 bzw. 1994–2000 Chefdirigent des Lietuvos nacionalinis operos ir baleto teatras in Vilnius, hatte den Ruf, ein verständiger Dirigent von Bruckner-Werken zu sein. Er leitete die Aufführung der Vierten, Neunten und Siebenten Symphonie (diese nur in Riga und Moskau als Gastdirigent), sowie jene des Te Deum.

Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1990 blühte das kulturelle Leben Litauens regelrecht auf. Neue Theatergruppen, Kunstgalerien, Orchester, Kammerensembles und Chöre wurden gegründet oder wiederbelebt. Zahlreiche Musikfestivals, davon über 30 für sakrale Musik, existieren mittlerweile und die Zahl der Aufführungen von Werken Bruckners steigt. Auch Gastdirigenten beziehen vereinzelt Bruckners Werke in ihr Programm ein, z. B. Krysztof Penderecki (1933–2020) Bruckners Te Deum gemeinsam mit seinem eigenen Te Deum 2003, Georg Mark, die Siebente Symphonie 2008 und Jean-Michel Blanchon Bruckners Messe in f‑Moll 2012. Heute hört man Bruckners Musik in Litauen mehr als je zuvor.

Mindaugas Urbaitis (* 1952) komponierte ein Bruckner-Gemälde für Orchester (Hommagen und Widmungen an Bruckner), das 1997 beim Vilnius Festival uraufgeführt wurde.

Literatur
  • Viktoras Gerulaitis, Juozas Domarkas. Orkestro byla. Vilnius 2012

JONAS BRUVERIS

(Übersetzung: Andrea Partsch)

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 23.9.2020