Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Irland (Rezeption)
Bruckners Stellung als Komponist außerordentlichen Ranges ist in jüngerer Zeit weniger in Österreich und Deutschland, sondern vor allem in englischsprachigen Ländern erkannt worden. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden insbesondere seine Symphonien in Großbritannien und Nordamerika eher abgelehnt; erst in den letzten 30 Jahren werden sie regelmäßig in den Konzerthallen dieser Länder aufgeführt. Trotz wichtiger Beiträge von Deryck Cooke, Hans Ferdinand Redlich (1903–1968) und Robert Simpson zwischen 1950 und 1980 erlangte Bruckner seine Stellung in der anglo-amerikanischen Forschung erst in den 1980er und 1990er Jahren durch die Veröffentlichungen von Paul Hawkshaw, Benjamin M. Korstvedt, Timothy L. Jackson, Brian Gilliam (* 1953) und anderen.
Die Rezeptionsgeschichte von Bruckners Musik in Irland spiegelt im Großen und Ganzen diese Tendenzen wieder. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wurden Bruckners Motetten von professionellen und Amateurchören aufgeführt. Vor der Gründung des Radio Éireann Symphony Orchestra (RÉSO) im Jahr 1948 sind jedoch Aufführungen seiner Symphonien und großer Chorwerke nicht zu belegen, weil es bis zu diesem Zeitpunkt in Irland keine professionellen Orchester gab. In der Folge erschienen sie im Repertoire des RÉSO und seiner Nachfolgeorchester (Radio Telefís Éireann Symphony Orchestra [RTÉSO] und Radio Telefís Éireann National Symphony Orchestra) je nach Interessenlage ihrer musikalischen Leiter.
Viele Dirigenten in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren förderten Bruckners Musik. 1957 dirigierte Milan Horvat (1919–2014) die Vierte Symphonie in Dublin, zwischen 1961 und 1966 dirigierte Tibor Paul (1909–1973) die Siebente, die Neunte und das Te Deum. Auch Albert Rosen (1924–1997) zeigte Interesse an Bruckner: 1972 bzw. 1974 dirigierte er die Fünfte und die Neunte, 1971 leitete er auch eine Aufführung der Messe in f‑Moll. Die Siebente Symphonie wurde während dieser Jahre mehrfach von Gastdirigenten aufgeführt – in Dublin und Cork 1969 unter Kurt Wöss und ebenda 1972 unter Hans Gierster (1925–1995). Die nächsten 15 Jahre blieb die Siebente im Repertoire relativ beliebt, 1978–1983 wurde sie dreimal unter Colman Pearse (* 1938) gespielt.
1986 wurde der Zyklus der Symphonien (inkl. der Symphonie in d‑Moll [„Annullierte“] und der Symphonie in f‑Moll [„Studiensymphonie“]) zum ersten Mal vollständig in Irland vom RTÉSO unter der Leitung von Bryden Thomson (1928–1991) aufgeführt. Die Symphonien waren dabei mit Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzerten gepaart. 2002/03 wurde der zweite vollständige Zyklus (inklusive der Fassung 1887 der Achten) unter Gerhard Markson präsentiert. Während der 1990er Jahre und bis in die Gegenwart gab es darüber hinaus mehrere Aufführungen einzelner Symphonien. 1991 wurde die Sechste unter Peter Hirsch (* 1956) gespielt; 1996 dirigierte Georg Tintner die Zweite (Fassung 1872) sowie die Achte (Fassung 1887). Im selben Jahr dirigierte Kasper de Roo (* 1951) die Siebente und Robert Houlihan (* 1952) die Vierte (Fassung 1888). Markson dirigierte Bruckner regelmäßig. 2001 präsentierte er die Neunte, 2008 die Siebente, und im Jänner 2011 leitete er eine Aufführung der Achten. Schließlich wurde 2010 die Fassung 1878 der Vierten Symphonie unter Jakub Hrůša (* 1981) aufgeführt.
Obwohl 1971 bzw. 1978 die Dritte und die Ouvertüre in g‑Moll für Radio Telefís Éireann im Studio aufgenommen wurden, sind irische Aufnahmen lediglich von der Symphonie in d‑Moll („Annullierte“), Zweiten und Achten mit dem National Symphony Orchestra auf Tonträgern erhältlich. Sie erschienen als Teil von Tintners Zyklus für Naxos. Es handelt sich dabei um frühe Aufnahmen der 1. Fassungen der Ersten, Zweiten, Vierten und Achten Symphonie.
Die Musikwissenschaft hat sich – nachdem sie bis in die 1980er Jahre hinein kaum eine Rolle spielte – besonders in den letzten 30 Jahren an irischen Universitäten entwickelt. Die Bruckner-Forschung spielte eine kleine, aber bedeutende Rolle in diesem Prozess. Patrick F. Devines Dissertation zu Bruckners Frühwerken stellt als die erste irische Doktorarbeit zu Bruckners Musik einen Meilenstein dar. In jüngerer Zeit wird die Bruckner-Forschung durch die Arbeit des englischen Musikwissenschaftlers Julian Horton in Dublin weitergeführt. Zu seinen Veröffentlichungen zählen u. a. ein Kapitel in The Cambridge Companion to Bruckner (2004) und Beiträge in Music and Letters sowie Dutch Journal of Music. Horton leitete auch ein Hauptseminar zu Bruckners Symphonien am University College Dublin. 2011 konnte Maria Patricia Gertsson ihre Doktorarbeit über Bruckners geistliche Werke am University College Dublin abschließen.
Literatur
- Patrick F. Devine, The Early Music of Anton Bruckner. An analytical survey of the composer‘s works from c. 1835 to 1863. Diss. Dublin 1987
- Patrick F. Devine, A Note on Bruckner reception in Eire, in: IBG-MitteilungsblattMitteilungsblatt der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Studien & Berichte. Hg. v. der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1971ff. Nr. 46 (Juni 1996), S. 14f.
- Julian Horton, Bruckner‘s Symphonies: Analysis, Reception and Cultural Politics. Cambridge 2004
- Julian Horton, Bruckner‘s Symphonies and Musical Scholarship in Ireland, in: IBG-MitteilungsblattMitteilungsblatt der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Studien & Berichte. Hg. v. der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1971ff. Nr. 66 (Juni 2006), S. 6–11
- Maria Patricia Gertsson, A comparative study of selected sacred works by Johannes Brahms and Anton Bruckner. Diss. Dublin 2011
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 30.9.2020
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e7614