Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Estland (Rezeption)
Im Zentrum des Artikels steht die bisher unerforschte Aufführungs- und Aufnahmetätigkeit von Bruckners symphonischem Werk und seiner Chormusik in der 2. Hälfte des 20. sowie des beginnenden 21. Jahrhunderts in Estland. Der Artikel beinhaltet zudem Informationen zur Tätigkeit verschiedener estnischer und baltendeutscher Gesellschaften und Orchester des 19. und 20. Jahrhunderts in Est- und Livland (1710–1917 Baltische Ostseeprovinzen des russischen Zarenreiches); Tallinn (damals Reval) gehörte zur Provinz Estland, Tartu (damals Dorpat) gehörte zur Provinz Livland.
Karl Leichter (1902–1987) gilt als Begründer der estnischen Musikwissenschaft. Neben estnischer Musik beschäftigte er sich auch mit namhaften Komponisten, darunter Richard Wagner und Bruckner. Sein Wagner-Buch erschien bereits 1934 in der Reihe Suurmeeste elulood (Lebensgeschichten berühmter Persönlichkeiten); das 1962/63 verfasste umfangreiche Bruckner-Manuskript, welches (sogar als gesamtsowjetisches) Lehrmaterjal geplant war, wurde aus verschiedenen (vermutlich ideologischen) Gründen nicht gedruckt. Es ist in der Bibliothek der Estnischen Musik- und Theaterakademie (vormals Tallinner Konservatorium) zugänglich. Abgesehen von der damals kritischen Haltung Moskaus (besonders) der russischen Übersetzung gegenüber, ist Leichters Untersuchung wertvolles estnischsprachiges Material, welches auch heute noch für Musikinteressierte lesenswert ist.
Symphonische Musik und Orchester in Estland (und Livland)
Das Musikleben in Estland war vielfältig, schon vor dem 19. Jahrhundert wurden Werke bedeutender europäischer Komponisten aufgeführt. Eine Tradition regelmäßiger Symphoniekonzerte bildete sich jedoch erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts heraus. So wurden u. a. 1850 in Reval (Tallinn) beinahe alle Symphonien Ludwig van Beethovens aufgeführt; 1860 erklangen die Symphonien Wolfgang Amadeus Mozarts und Joseph Haydns sowie 1861 Les Préludes von Franz Liszt. Das Konzertleben prägten im damaligen Est- und Livland verschiedene deutschbaltische Musikvereine, u. a. der Musikverein in Reval (Tallinn), die Männergesangvereine in Reval und Dorpat (Tartu), die Revaler Liedertafel, der Orchesterverein in Dorpat, die Bürgermusse in Dorpat, die Musikalische Gesellschaft in Dorpat u. a. Eine herausragende Rolle spielten auch die Dorpater Universität und deren Musikdirektoren. Bei der Entwicklung der nationalen Schauspielkunst und Musik hatten zwei estnische Sing- und Spielvereine wesentliche Bedeutung: 1865 nahmen in Tartu die Vanemuine-Gesellschaft und in Tallinn die Estonia-Gesellschaft ihre Tätigkeiten auf, infolge dessen 1906 auch die ersten estnischen Berufstheater in Tartu (Theater Vanemuine) und in Tallinn (Theater Estonia, die heutige Nationaloper Estonia) gegründet wurden. An beiden Orten beschäftigte man sowohl Orchester als auch Schauspieltruppen. In Tartu wurde 1900 das Symphonieorchester der Estnischen Studentenvereinigung gegründet, welches regelmäßig Symphoniekonzerte veranstaltete. 1908 setzte diese Konzerte das Vanemuine Symphonieorchester fort. Werke der bekanntesten Komponisten kamen zur Aufführung, etwa von Beethoven, Alexander Borodin (1833–1887), Johannes Brahms, Franz Schubert, Robert Schumann, Alexander Skrjabin (1872–1915) und Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893). Allerdings stellte der Komponist und Dirigent Juhan Aavik (1884–1982) 1925 fest, dass neuere deutsche und französische Musik im Repertoire fehle, darunter Bruckner, Gustav Mahler, Igor Strawinsky (1882–1971) und Arnold Schönberg (1874–1951). Das Berufsorchester des Theaters Estonia erwuchs aus dem Orchester der Estonia-Gesellschaft, zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielten dort sowohl die bekanntesten Tallinner Laien-Musiker als auch die Berufsmusiker des Revaler (deutschen) Stadttheaters. Das erste öffentliche Symphoniekonzert des Berufsorchester des Estonia Theaters fand 1907 im alten Estonia-Saal statt.
Erstmals erklang Bruckners Vierte Symphonie in Tallinn während der Spielzeit 1920/21. Zum zweiten Mal wurde sie in der Spielzeit 1935/36 unter Victor Vaszy (1903–1979) aufgeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Orchester für längere Zeit ein Theaterorchester, Symphoniekonzerte wurden vom Symphonieorchester des Estnischen Radios, dem heutigen Estnischen Staatlichen (Nationalen) Symphonieorchester (ERSO), veranstaltet. Das ERSO entstand aus dem 1926 gegründeten Ensemble des Tallinner Radio-Rundfunks. Bis 1944 gab man Symphoniekonzerte sozusagen als Gemeinschaftsorchester des Estonia Theaters und des Radio-Rundfunks. Neben bekannten Klassikern wurden symphonische Werke beinahe aller estnischer Komponisten aufgeführt.
Aufführungen symphonischer Werke Bruckners in Estland durch das Eesti Riiklik Sümfooniorkestri (ERSO)
Die Erste Symphonie erklang im Konzertsaal Estonia erstmals 1938 unter Rudolf Schulz-Dornburg (1891–1949). Die Dritte Symphonie wurde 1992 unter der Leitung des damaligen Chefdirigenten des ERSO Leo Krämer ([* 1944]; 1991–1993) gespielt, neben der Tallinner Aufführung auch drei Mal in Deutschland (Speyer, Iserlohn, Köln). 1999 erklang das Werk im Konzertsaal Estonia unter Marc Tardue (* 1951). Am 4.2.2011 fand eine Aufführung unter Dima Slobodeniouk (* 1975) statt, bei der zum ersten Mal das Adagio in der Fassung von 1876 erklang. Die Vierte Symphonie wurde neun Mal aufgeführt, davon acht Mal in Tallinn und einmal in Tartu. Die Dirigenten waren 1946 Roman Matsov (1917–2001), 1960 Kurt Sanderling (1912–2011), 1978 Juozas Domarkas (* 1936), 1982 Peeter Lilje (1950–1993), 1983 Werner Andreas Albert (* 1935), 1986 Vassili Sinaiski (* 1947), 1995 Gregory Rose (* 1948) und 2008 Paul Mägi (* 1953). Die Fünfte Symphonie erklang bisher nur einmal, 1999 unter David Porcelijn (* 1947). Die Sechste Symphonie wurde drei Mal in Tallinn gespielt, die Dirigenten waren 1988 zwei Mal P. Mägi und 1993 L. Krämer. Die Siebente Symphonie ist mit zehn Aufführungen die in Estland am häufigsten gespielte Bruckner-Symphonie. Zum ersten Mal erklang sie 1943 im Konzertsaal Estonia unter Olav Roots (1910–1974), weitere Dirigenten waren zwei Mal 1978 Arvids Jansons (1914–1984), 1984 Roman Matsov, vier Mal 1990 Krämer, ebenfalls 1997 Krämer und 2009 Lutz Köhler (* 1945). Die Achte Symphonie erklang bisher nur einmal, 2001 im Konzertsaal Estonia unter Arvo Volmer (* 1962). Die Neunte Symphonie wurde drei Mal sowohl in Tallinn als auch in Tartu gespielt, Dirigenten waren 1991 Ulrich Backofen und 1992 Paavo Berglund (1929–2012). Von den symphonischen Chorwerken wurde insbesondere das Te Deum gespielt, zum ersten Mal 1974 in Tallinn unter Eri Klas (1939–2016), zusammen mit den Jugendchören des Gemischten Chors des Estnischen Radios und des RAM (Estnischer Nationaler Männerchor). Zum zweiten Mal erklang das Werk 2002 in Nürnberg unter Volmer (zusammen mit dem gemischten Chor Latvija). Der größte Teil der ERSO-Aufführungen wurde und wird vom Estnischen Radio (Estnischen Öffentlichen Rundfunk) mitgeschnitten.
Aufführungen von Bruckners Chorwerken in Estland
Die in Estland am bekanntesten und am häufigsten gesungenen Chorwerke Bruckners sind Ave Maria (WAB 6), Locus iste und Christus factus est (WAB 11 [?]), diese finden sich auch im Repertoire vieler Jugend- und Laienchöre. U. a. führte 2005 der Kammerchor Voces Musicales unter Risto Joost (* 1980) neben den oben genannten auch die Motetten Os justi, Virga Jesse, Ecce sacerdos, Vexilla regis, Inveni David (WAB 19 [?]), „Tota pulchra es, Maria“ und Afferentur auf. Der Estnische Philharmonische Kammerchor brachte 2006 unter Paul Hillier (* 1949) neben den Motetten Ave Maria, Christus factus est, Locus iste und Virga jesse auch die Messe in e‑Moll in verschiedenen estnischen Städten zur Aufführung. Der Estnische Nationale Männerchor (RAM) führte folgende Bruckner-Werke auf: Trösterin Musik (1981 Konzertsaal Estonia unter Kuno Areng [1929–2017]); Ave Maria (WAB 6), Um Mitternacht (WAB 89) und Helgoland (2005 Schwarzhäupter Gilde unter Mihhail Gerts [* 1984]). Das Ave Maria war 2009 auch Teil des XXV. Gesamtsängerfestes in Tallinn, welches als eines der bedeutendsten estnischen Kulturereignisse seit 1869 gefeiert wird. Die Zahl der Laienchöre in Estland ist sehr groß, deren Repertoire ist bisher nicht systematisch aufgearbeitet.
Aufnahmen von Bruckners Musik
Das Estnische Radio wurde 1926 als Tallinner Radio-Rundfunk gegründet (seit 2007 Estnischer Öffentlicher Rundfunk/Eesti Rahvusringhääling, ERR). Seither wurden neben Sendungen auch regelmäßig Orchesterkonzerte live im Radio übertragen und (Konzerte im Studio) aufgezeichnet. Die erste Aufzeichnung eines Bruckner-Werkes fand 1966 statt (Ave Maria [WAB 6], gem. Chor der Chordirigenten der Republik [Estland] unter Juri Variste [1907–1989]). Aus den 1970er Jahren stammen Aufnahmen des Te Deum (1974 ERSO und gemischter Chor des Estnischen Radios unter E. Klas) und der Vierten Symphonie (1978 ERSO unter Domarkas). In den 1980er Jahren wurde erneut die Vierte Symphonie (ERSO unter Lilje) sowie Motetten (verschiedene Chöre) mitgeschnitten. In den 1990er Jahren nahm man die Dritte, Fünfte, Siebente und Neunte Symphonie sowie verschiedene Motetten mit verschiedenen Chören auf (darunter auch das Ave Maria [WAB 6] mit dem Weltjugendchor unter Jonathan Velasco 1996). Neben dem ERSO spielte das Akademische Orchester des Ensembles Hortus Musicus unter Andres Mustonen (* 1953) Musik Bruckners ein. 2001 nahm das ERSO zusammen mit dem Symphonieorchester der Estnischen Musik- und Theaterakademie die Achte unter Volmer, 2008 die Vierte unter Mägi und 2009 die Siebente Symphonie unter L. Köhler auf. 2009 entstand eine Aufnahme der Vierten mit dem Frankfurter Radiosinfonieorchester unter Paavo Järvi (* 1962), der 2004 die Fünfte Symphonie mit dem Jugendsinfonieorchester der Europäischen Union einspielte. 2008 nahm Mihkel Kütson (* 1971) mit dem Symphonieorchester des Theaters Vanemuine die Sechste Symphonie auf. Choraufnahmen gibt es im Zusammenhang mit Konzerten des oben genannten Estnischen Philharmonischen Kammerchors und des Kammerchors Voces Musicales.
Literatur
- Juhan Aavik, „Vanemuise“ sümfooniaorkester [Das Sinfonieorchester der Gesellschaft „Vanemuine“] – Vanemuine 1865–1925. Tartu 1925
- Karl Leichter, „Estonia“ muusikalise arengu keskusena [Die Gesellschaft „Estonia“ als Zentrum der musikalischen Entwicklung]. Tallinn 1992
- Maris Männik-Kirme, Karl Leichter. Eesti muusikateaduse suurmees [Karl Leichter. Grand old man der estnischen Musikwissenschaft]. Tallinn 2002
- Muusikaelu Eestis 20. sajandi algupoolel. (Eesti muusikaloo toimetised 7). Hg. v. Urve Lippus. [Das Musikleben in Estland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. (Beiträge zur estnischen Musikgeschichte 7)]. Tallinn 2005
- Geiu Rohtla, Die Universität als Musikzentrum der Stadt Dorpat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: einige Einblicke in das Forschungsgebiet, in: Forschungen zur baltischen Geschichte (FzbG, Humaniora: historica 2). Tartu 2007, S. 197–202 (www.fzbg.ut.ee/; www.balt-hiko.de/publikationen/forschungen-zur-baltischen-geschichte/bd-2-2007/ [30.9.2020])
- Toomas Velmet, Estonia teatri orkester kontserdilaval [Das Orchester des Estonia Theaters auf der Konzertbühne], in: Estonia esimene sajand [Ein Jahrhundert Estonia] (Red. Vilma Paalma), Tallinn: Rahvusooper Estonia [Nationaloper Estonia] 2007, Sihtasutus Kultuurileht, S. 390–411
- Urve Lippus (Hg.), 19. sajandi muusikaelu Eestis (Eesti Muusikaloo Toimetised 9). [Das Musikleben im 19. Jahrhunderts in Estland (Beiträge zur estnischen Musikgeschichte 9)]. Tallinn 2008
- Kristel Pappel/Toomas Siitan/Anu Sõõro (Hg.), Musikleben des 19. Jahrhunderts im nördlichen Europa. Strukturen und Prozesse. (19th Century Musical Life in Northern Europe. Structure and Processes). Hildesheim–Zürich–New York 2010
- Andreas Avarand/Olavi Lasemaa/Maris Amon-Merilain (Hg.), Eesti puhpillibibliograafia (1856–2012, orkestrid ja ansamblid) [Estonian Windisntrument Bibliography (1856–2012), orchestras and ensembles)]. Tallinn 2015
- Mitt. Maris Männik-Kirme, Tiina Õun, Kristel Pappel, Priit Kuusk, Jevgeni Suits
- Archiv des Estnischen Philharmonischen Kammerchors (Eesti Filharmoonia Kammerkoori arhiiv, EFK) 1996–2010
- Archiv des Estnischen Öffentlichen Rundfunks (Eesti Rahvusringhäälingu ERR arhiiv)
- Archiv des Estnischen Nationalen Männerchors (Eesti Rahvusmeeskoori RAM arhiiv)
- Archiv des Estnischen Staatlichen (Nationalen) Sinfonieorchesters (Eesti Riiklik Sümfooniorkestri ERSO arhiiv)
- Archiv des Estnischen Theater- und Musikmuseums (Eesti Teatri- ja Muusikamuuseumi ETMM arhiiv)
- Bibliothek der Estnischen Musik- und Theaterakademie (Eesti Muusika- ja Teatriakadeemia EMTA raamatukogu)
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 30.9.2020
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e7485