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Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel

Bulgarien (Rezeption)

Erst nach der Befreiung von der fünf Jahrhunderte lang andauernden osmanischen Herrschaft am Ende des 19. Jahrhunderts konnte die bulgarische Musikkultur bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts – in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – ein hohes Niveau erreichen. Bis dahin gab es nur ein einziges Symphonieorchester von Rang, das 1938 von Sasha Popov (1899–1976) gegründete Zarenorchester. In den größeren Städten Bulgariens (Varna, Plovdiv, Russe, Burgas oder Pleven) pflegten kleine, unvollständig besetzte Orchester die symphonischen Werke; ihre Möglichkeiten zur Interpretation der komplizierten Partituren von Bruckner, Gustav Mahler und Richard Strauss waren allerdings begrenzt. Trotz dieser Umstände war Bruckners Musik schon vor dem Zweiten Weltkrieg in Bulgarien bekannt. Paradox und zugleich interessant erscheint die Tatsache, dass die fortschrittliche und sehr aktive bulgarische Intelligenz vielseitige Interessen hatte, die u. a. auch der immer noch in Konzertaufführungen unbekannten Musik Bruckners galten. In der hinterlassenen Phonothek des bulgarischen Wissenschaftlers Michail Arnaudov (1878–1978) sind Bruckners Vierte und Siebente Symphonie vorhanden. Vielen bulgarischen Intellektuellen – Schriftstellern, Dichtern, Malern oder Schauspielern wie Todor Vlaikov (1865–1943), Anton Straschimirov, Geo Milev (1895–1925) u. a., von denen die meisten in den deutschsprachigen Ländern Europas studiert hatten —, war die Musik Bruckners, wenn auch nur flüchtig, bekannt. Begeisterte Bruckner-Anhänger waren bulgarische Wissenschaftler wie der Physiologe Assen Hadshiolov, der Mikrobiologe und Anästhesiologe Boris Koitschev sowie einige Professoren der Polytechnik, die ihre Ausbildung in Wien abgeschlossen hatten. Bruckners Werke fanden Aufnahme in Phonotheken von Geschäftsleuten und Finanzexperten. Offensichtlich war das keine äußere oder modebedingte Demonstration, sondern gehörte zu Alltag und Dasein dieser Sozialschicht. Während ein Großteil der bulgarischen Musiker dieser Zeit entweder gar nichts oder nur sehr wenig von Bruckners Musik kannte, war sie für Ärzte, Wissenschaftler und Personen verschiedener Berufe zu einem festen Bestandteil ihrer Familienkultur geworden. Rezipiert wurde Bruckners Musik durch die wenn auch in bescheidenem Ausmaß stattfindende Übertragung im bulgarischen Rundfunk.

In der bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs einzigen Musikhochschule in Sofia war Bruckners Schaffen in sehr begrenztem Maße bekannt. Wahrscheinlich war der Vorlesungskurs in Musikgeschichte von Stojan Braschovanov, der seine Ausbildung in Deutschland abschloss, die einzige Informationsquelle. Über Bruckners Musik haben auch Kamen Popdimitrov (Ausbildung in Paris bei Raimond Tiberge) und Stojan Dzudzhev (Absolvent der Sorbonne Université in Paris) geschrieben. Sie berichteten von dem tiefen Eindruck, den Bruckner während seines Gastspiels in Frankreich hinterlassen hatte, das ihm den Nimbus eines kunstvollen Orgelspielers und Komponisten verlieh. Die von ihnen geäußerten Gedanken und Eindrücke riefen bei den bulgarischen Studenten großes und dauerhaftes Interesse für Bruckners Werk und Persönlichkeit hervor.

Das Interesse wurde auch von den Schallplattenaufnahmen der Dritten, Vierten und Siebenten Symphonie unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler, Eugen Jochum und Hans Knappertsbusch wach gehalten. In den Sendungen des Nationalen Rundfunks erklang Bruckners Musik immer häufiger. Die Aufführungen einiger Symphonien Bruckners unter der Leitung von Jewgeni A. Mrawinski spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle für das wachsende Interesse an der Musik Bruckners. Die erste Aufführung der Vierten Symphonie 1955 von der Sofioter Philharmonie unter der Leitung von Hermann Abendroth wurde mit ausgesprochenem Interesse und großer Begeisterung begrüßt. Anschließend nahm die Musik Bruckners ihren festen und dauerhaften Platz, nicht nur auf den Spielplänen der Sofioter Philharmonie und des Nationalen Rundfunks Bulgariens, sondern auch im Musikleben Bulgariens ein. Manche Symphonieorchester der großen Kulturzentren des Landes erlangten ein hohes technisches und künstlerisches Niveau, das die Aufführung von Bruckner-Symphonien ermöglichte.

So verwirklichte am 29.11.1955 die Varnaer Philharmonie unter der Leitung von Emil Glavanakov (1918–1978) die Aufführung der Vierten Symphonie. Im nächsten Jahr erklang dieselbe durch die Sofioter Philharmonie wieder unter der Leitung von Glavanakov. In den nächsten Jahren wurde die Symphonie mehrmals unter der Leitung bulgarischer und ausländischer Dirigenten aufgeführt, etwa 1979 von Ljubomir Romansky (1912–1989, Deutschland) mit der Sofioter Philharmonie; 1984 mit der Plovdiver Philharmonie und dem Symphonieorchester des Bulgarischen Nationalrundfunks; dann jeweils mit der Sofioter Philharmonie 1995 unter Emil Tabakov (* 1947), 1999 unter Yordan Dafov (* 1940) und 2003 unter Karlheinz Knobloch (Deutschland) sowie Rossen Milanov (* 1956, USA) mit dem Neuen Bulgarischen Symphonieorchester; 2005 unter Georgi Dimitrov mit der Plovdiver Philharmonie und 2006 unter Najden Todorov (* 1974) mit der Sofioter Philharmonie.

Die Erstaufführung der Dritten Symphonie fand am 6.6.1963 mit der Sofioter Philharmonie unter der Leitung von Konstantin Iliev (1924–1988) statt. 1968 spielte das Symphonieorchester des Bulgarischen Nationalrundfunks unter der Leitung von Vassil Stefanov (1913–1991) zum ersten Mal Bruckners Sechste Symphonie.

Bruckners Neunte Symphonie erklang zum ersten Mal am 18.11.1959 in der Interpretation der Sofioter Philharmonie unter der Leitung von Iliev. 1966 wurde die Neunte erneut von der Philharmonie gespielt, dieses Mal unter der Leitung von Dobrin Petkov (1923–1987).

Ein besonderes Verdienst um die Aufführung von Bruckners Symphonien kommt dem Dirigenten Tabakov zu, der die Erstaufführungen der Achten im Jahre 1987 und der Fünften Symphonie im Jahre 1988 mit der Sofioter Philharmonie verwirklichte. In den nächsten Jahren dirigierte Tabakov mit großem Erfolg die Sechste, Siebente und Neunte (alle 1996) sowie die Achte Symphonie (2010). Unter den bulgarischen Dirigenten beschäftigt sich Tabakov am intensivsten mit den Symphonien Bruckners. Als Leiter der Sofioter Philharmonie und künstlerischer Hauptleiter sowie Dirigent des Symphonieorchesters des Bulgarischen Nationalrundfunks setzt er die Werke Bruckners regelmäßig auf die Konzertprogramme der beiden Institutionen. So wurde die letzte Aufführung der Achten am 29.1.2010 zu einem Kulturereignis im Konzertleben der Hauptstadt.

Die ersten beiden Symphonien Bruckners, sowie seine „annullierte“ Symphonie in d‑Moll sind zwar bis heute in Bulgarien noch nicht aufgeführt worden, jedoch nicht unbekannt. Die Gesamtaufnahme der Symphonien Bruckners unter der Leitung von Sir Georg Solti ist im Musikbestand des Bulgarischen Nationalrundfunks sowie in einigen privaten Sammlungen zu finden.

Auf dem Gebiet der theoretischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung ist Bruckners Schaffen in Vorlesungen zur Musikgeschichte sowie in Vorträgen im „Studio – Musik“ vertreten. Die Sofioter Philharmonie stellte Aufnahmen von der Vierten, Fünften, Siebenten und Neunten Symphonie vor. Dank einiger Sendungen des Bulgarischen Nationalrundfunks und besonders im Programm von Radio Orpheus konnte eine breite Zuhörerschaft Darbietungen von Bruckners Symphonien genießen und Interpretationen der renommiertesten Symphonieorchester unter der Leitung von Dirigenten wie Furtwängler, Erich Kleiber, E. Jochum, Karl Böhm, Herbert von Karajan, Sergiu Celibidache, Solti, Mrawinski, Gennadi N. Roschdestwenski sowie Archivaufnahmen von Arthur Nikisch und Leopold Stokowski (1882–1977) hören. Ohne Zweifel ist dies einer der Gründe für ein wesentlich anwachsendes Interesse am Werk Bruckners in Bulgarien.

In einer Reihe von Radiosendungen, wie auch im alljährlichen Bildungsprogramm „Znanie“, fanden die Kompositionen Bruckners ihren festen Platz. 1996 strahlte der zentrale Radiosender Hristo Botev eine spezielle, 90 Minuten andauernde Sendung mit dem Musikologen Stefan Lazarov anlässlich des 100. Todestags des Komponisten aus. In seiner Diplomarbeit an der Staatlichen Musikakademie über Die Symphonik von Brahms, Bruckner und Mahler (1959) wies Lazarov den Symphonien Bruckners in der Geschichte der Gattung einen bedeutenden Platz zu.

In den Vorlesungen zur Geschichte der westeuropäischen Musik fand Bruckners Schaffen erstmals Interesse bei dem bekannten bulgarischen Wissenschaftler, Musikhistoriker und ‑forscher Stoyan Barschovanov, der seine Ausbildung in Deutschland abgeschlossen hatte und die österreichische und deutsche Kultur kennt. In seinen Vorlesungen ist dem Schaffen von Bruckner ein fester, wenn auch nicht umfangreicher Platz zugewiesen. Bruckners Werk findet seinen Platz in den Lehrplänen des Studiengangs Musikgeschichte an der Nationalen Musikakademie „Prof. Pantscho Vladigerov“. Zu den theoretischen Musikfächern, die an der Nationalen Musikakademie angeboten werden, gehört der Kurs in Musikanalyse (bis 1958 „Formenlehre der Musik“). In diesem Kurs wird auch Bruckners Schaffen gründlich erforscht und analysiert. Außerhalb des Vorlesungskurses veröffentlichte Pentscho Stoyanov (* 1931) ausführliche Analysen über das Schaffen Bruckners in seinem Buch Musikanalyse (Sofia 1969). Im Kapitel Romantische Sonatenform behandelte Stoyanov manche Besonderheiten in der Struktur des Sonatenaufbaus in Bruckners Siebenter, Achter und Neunter Symphonie (S. 201ff.). Im Buch Musikanalyse (Teil 1) analysierte Stoyanov im Kapitel Das System der Ausdrucksmittel (S. 43, Sofia 1995) sehr ausführlich das melodische Intervall, mit dem der 3. Satz von Bruckners Neunter Symphonie beginnt. Im Kapitel Musikalisches Thema. Themenarten. Themenbildende Faktoren (S. 131f., Sofia 1995) beschäftigte sich Stoyanov mit dem Choral-Thema im 2. Satz der Fünften Symphonie Bruckners.

Im Buch Musikanalyse von Stojanov (Teil 2, Sofia 1995) ist den Werken Bruckners ein bedeutender Platz zugewiesen. Er setzte sich mit Problemen der Dramaturgie und Dynamik in den Symphonien Bruckners, mit den Besonderheiten der Konstruktionspläne sowie mit den angedeuteten Perspektiven in den ersten Sätzen der Achten und Neunten Symphonie auseinander. Eine besondere Aufmerksamkeit schenkte er der dynamischen Reprise, ihrer Rolle und Bedeutung als Aufbauelement der Sonatenform, das wesentliche Veränderungen und Korrekturen in die gesamte Funktionallogik einbringt.

In der theoretischen Forschungsarbeit Wechselwirkungen zwischen den musikalischen Formen (Sofia 1975, Moskau 1985) beschäftigte sich Stoyanov mit einem der Aspekte in der musikalischen Form von Bruckner. Dieser Aspekt hängt mit den unterschiedlichen Prinzipien bei der Strukturierung des musikalischen Stoffes zusammen, die eine neue Verteilung in den Entwicklungszonen und im Formverlauf zur Folge haben. Im 2. Satz der Neunten Symphonie, die einer Detailanalyse unterzogen wird, ist die theoretisch begründete These über die Universalität der Sonatenprinzipien im musikalischen Denken Bruckners und ihr Eindringen in Nicht-Sonatenstrukturen von großem Interesse.

Zeitliche und räumliche Dimensionen in den Symphonien von Bruckner von Elena Stoyanova (Sofia 2004) ist eine umfassende musiktheoretische Untersuchung anlässlich des 180. Geburtstages Bruckners, die Aspekte der musikalischen Sprache, der Dramaturgie und der prozessualen Dynamik in einer unmittelbaren Beziehung zu Grundfragen darstellt. An erster Stelle werden die Neunte Symphonie und die Sonate op. 106 von Ludwig van Beethoven genannt, die als frühe Vorbilder der Raumkomposition gelten und den großen Maßstäben in Bruckners Symphonien unmittelbar vorausgehen. So nimmt die bildliche und künstlerische Welt von Bruckner Gestalt an, die Vielfältigkeit von Erscheinungen unterschiedlicher Kategorisierungen wie die sogenannten räumlichen Bögen, die semantische Synthese, die doppelte Syntax, die selten vorkommende Vorentwicklung bei der Formung des Musikstoffes. Der Arbeit von Stoyanova ist eine reichhaltige Bibliografie mit Untersuchungen über Bruckner beigefügt; sie enthält die klassischen Arbeiten von Ernst Kurth, Max Auer, Oskar Lang (1884–1950), Alfred Orel, Erich Schwebsch (1889–1953) sowie auch die sachkundigen Studien von Leopold Nowak.

Literatur
  • Stoyan Barschovanov, Musikgeschichte. Sofia 1946, S. 164, 167ff., 195
  • Stefan Lazarov, Die Symphonik von Brahms, Bruckner und Mahler. Dipl.arb. Sofia 1959
  • Vladimir Protopopov, Die Geschichte der Polyphonie (Die Abendländische Musik). Moskau 1968
  • Pentscho Stoyanov, Musikanalyse. Sofia 1969, 1995
  • Pentscho Stoyanov, Wechselwirkungen zwischen den musikalischen Formen. Sofia 1975, Moskau 1985
  • Zdravko Mdnolov, Polyphonie. Sofia 1977
  • Elena Stoyanova, Zeitliche und räumliche Dimsenionen in den Symphonien von Bruckner. Sofia 2004
  • Elena Stoyanova, Zur Bruckner-Rezeption in Bulgarien, in: Bruckner-JahrbuchBruckner-Jahrbuch. (Wechselnde Herausgeber). Linz 1980ff. 2001–2005, S. 443–446

ELENA STOYANOVA

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 23.9.2020