Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Jahn, Wilhelm
* 24.11.1835 Hof/Mähren (Dvorce/CZ), † 21.4.1900 Wien/A. Dirigent.
Nach der Ausbildung als Sängerknabe an der Metropolitankirche in Olmütz und dem Besuch des Gymnasiums wurde er zunächst Mitglied einer Wandertruppe. Ab 1852 wirkte er als Kapellmeister an verschiedenen europäischen Theatern, unter anderem 1857–1864 am Landestheater in Prag und 1864–1881 als Kapellmeister und königlicher Musikdirektor am Theater in Wiesbaden. Zuletzt war er 1881–1897 Hofoperndirektor in Wien und fand hier unter anderem aufgrund seiner Fähigkeiten als hervorragender Ensembleführer und Betreuer des Sängernachwuchses große Anerkennung.
Als Hans Richter in der Saison 1882/83 von der Leitung der Philharmonischen Konzerte kurzfristig zurücktrat und die Wiener Philharmoniker dadurch in eine Notsituation gerieten, sprang Jahn ein. Ihm, einem Anhänger Richard Wagners und der neuen Musik, kommt das Verdienst zu, zum ersten Mal in den Philharmonischen Abonnementkonzerten eine Symphonie Bruckners, wenn auch nur fragmentarisch, aufgeführt zu haben. In der Novitätenprobe vom 6.10.1882 wurde mit einer Stimme Mehrheit für die Aufnahme der beiden Mittelsätze der Sechsten Symphonie gestimmt. Die Uraufführung von Adagio (langsamer Satz) und Scherzo der Sechsten am 11.2.1883 wurde von Bruckners Anhängern stürmisch gefeiert, während sich die Presse eher verständnislos zeigte – auch wurde der Aufführung durch die Nachricht von Wagners Tod (13.2.1883) Aufmerksamkeit entzogen. Es lässt sich als „ein Zeichen der Verbundenheit zu Bruckner“ deuten, „dass Jahn die Bruckner-Uraufführung nicht an den Schluss sondern in die Mitte des Programms gestellt hat, um die übliche Publikumsflucht bei Novitäten zu vermeiden.“ (Höslinger, S. 92). Bruckner berichtete am 13.10.1882 an Leopold Hofmeyr: „D[ie] Philharmoniker haben nun meine 6. Sinfonie angenommen, [...]. Als ich mich dem Dirigenten (Director d. Hofoper) vorstellte, sagte er, daß er zu meinen innigsten Verehrern zähle. [...] (D. Philharmoniker fanden an dem Werke solches Wohlgefallen, daß sie heftig applaudierten u. einen Dusch machten…“ (Briefe I, 821013). Die gesamte Sechste Symphonie – jedoch gekürzt und mit instrumentalen Änderungen – wurde erst nach Bruckners Tod in den Philharmonischen Konzerten aufgeführt: am 26.2.1899 unter der Leitung Gustav Mahlers.
Werke
- Männerchöre
- Lieder
Literatur
- Joseph Sulzer, Ernstes und Heiteres aus den Erinnerungen eines Wiener Philharmonikers. Wien–Leipzig 1910, S. 37, 44
- Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 4/2, S. 56ff., 73–79
- Andrea Seebohm (Hg.), Die Wiener Oper: 350 Jahre Glanz und Tradition. Wien 1986, S. 72–77
- Clemens Hellsberg, Demokratie der Könige. Die Geschichte der Wiener Philharmoniker. Zürich–Wien–Mainz 1992, S. 246–255
- Clemens Höslinger, Wilhelm Jahn, Operndirektor und Bruckner-Dirigent. Sein Weg von Olmütz nach Wien, in: Bruckner-Symposion 2006Theophil Antonicek/Andreas Lindner/Klaus Petermayr (Hg.), Bruckner-Symposion. Gemeinsame Vergangenheit – gemeinsame Zukunft? Musikalische Beziehungen Österreichs zu den neuen EU-Nachbarn Tschechien, Slowakei und Ungarn. Brucknerhaus Linz, 27.–30. September 2006. Bericht. Linz 2011, S. 85–94
- Briefe IAndrea Harrandt/Otto Schneider (Hg.), Briefe von, an und über Anton Bruckner. Bd. I. 1852–1886 (NGA XXIV/1). 2., rev. und verbesserte Aufl. Wien 2009
- Andrea Harrandt, Art. „Jahn, Wilhelm“, in: www.musiklexikon.ac.at [18.2.2019]
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 18.2.2019
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e2047
