Rondos für Klavier (WAB 222/1-7)
Im Abschnitt zur Klavier- und Streichquartettkomposition des Kitzler-Studienbuchs versuchte sich
Bruckner im Frühjahr 1862 nach Studien zu Scherzo mit Trio, Etüde und Variation mit
Übungen zu „diverse[n] Themenbildungen im langsamen und raschen Tempo
(Adagio/Allegro) sowie erweiterte[n] Bildungen mit Durchführungsgruppen“ (NGA XXV, S.
IX) an der Rondoform.
Zu seinen Rondo-Studien notierte Bruckner einige Anmerkungen und Fragen, bei denen er
nachträglich die Antworten seines Lehrers
Otto Kitzler ergänzte.
In seinen Notizen verwendete er bei den ersten vier der insgesamt sieben
Kompositionsübungen zur Bezeichnung der verschiedenen Formteile noch die Begriffe
„Themagruppe“ und „Trio“ (vgl. z. B. seine Anmerkung auf S. 121 unten); bei
den letzten drei Rondos, die die Form des Sonatenrondos aufweisen, orientierte er
sich an der Terminologie von Johann Christian Lobes (1797–1881) Lehrbuch der musikalischen Komposition (4 Bde., 1850–1867).
Rondo für Klavier in G-Dur (WAB 222/1)
Kompositionsübung für Klavier, „Allegro“
Auf S. 105, 3. System, bis S. 108 des Kitzler-Studienbuchs arbeitete
Bruckner ein Rondo im 2/4‑Takt aus.
Die ersten 28 Takte bilden die von Bruckner so bezeichnete „Themagruppe“, in
dreiteiliger Liedform. Auf eine auf der Dominante d schließende achttaktige Periode,
die zu wiederholen ist, folgen eine zwölftaktige 2. Periode und eine auf der
Tonika g schließende Variation der ersten acht Takte; die 2. und
3. Periode sind zusammen zu wiederholen. Daran schließt sich ein ebenfalls
28 Takte umfassendes, von B‑Dur nach d‑Moll modulierendes „Trio“ in zweiteiliger
Liedform an, dessen 1. Periode auch zu wiederholen ist. Hierauf folgen eine in
der 2. Periode um acht Takte erweitere Variation der „Themagruppe“ sowie eine in
der Ausgangstonart G‑Dur schließende Variation des „Trios“.
Das dem Aufbau ABA‘B‘ folgende Rondo könnte man auch als Sonatenrondo interpretieren,
mit der „Themagruppe“ als Exposition, dem „Trio“ als Durchführung, der Variation der
„Themagruppe“ als Reprise und der „Trio“-Variation als Coda.
Rondo für Klavier in c‑Moll (WAB 222/2)
Kompositionsübung für Klavier, „Allegro“
Auf S. 109ff. des Kitzler-Studienbuchs notierte Bruckner ein Rondo im
3/4‑Takt.
Dessen „Themagruppe“ in dreiteiliger Liedform setzt sich aus einer achttaktigen 1.,
einer zwölftaktigen 2. Periode und einer exakten Wiederholung der
1. Periode zusammen; die letzten beiden Perioden sind zu wiederholen. Die
„Themagruppe“ schließt auf der Tonika.
Darauf folgt ein nach g‑Moll modulierender Teil, der aufgrund der Streichung eines
Taktes die ungerade Zahl von 15 Takten umfasst, und daran anschließend eine
unveränderte Wiederholung der 1. Periode der „Themagruppe“. Hiernach ist ein in
drei Abschnitte untergliederter Teil in C‑Dur notiert, der nach G‑Dur moduliert.
Zuletzt steht eine, in der 3. Periode um 12 Takte erweiterte Variation der
Themagruppe.
Rondo für Klavier in d-Moll (WAB 222/3)
Kompositionsübung für Klavier
Auf S. 112–115 des Kitzler-Studienbuchs skizzierte Bruckner eine „Rondoform als
Andante“ im 2/4‑Takt.
Nach der 26-taktigen „Themagruppe“ in dreiteiliger Liedform in d‑Moll und dem
16‑taktigen „Trio“ in zweiteiliger Liedform in D‑Dur notierte Bruckner nur eine
Variation der 1. Periode der „Themagruppe“ und zwei Takte mit der Oberstimme der
2. Periode mit einem auf den Beginn der ausgeschriebenen 2. Periode (ab
T. 9) verweisenden Kreuz und den Anmerkungen „etc. bis zum Trio“ und „dann
vert[auscht].“. Vermutlich sollen hier die „Themagruppe“ ab der 2. Periode und
das „Trio“ unverändert wiederholt werden, bevor abschließend eine wieder vollständig
notierte Variation der „Themagruppe“ in der Ausgangstonart folgt. Bei dieser sind die
1. und 2. Periode vertauscht, d. h. auf eine Variation der 2. folgt
eine der 1. Periode und danach wieder eine der 2. Periode.
Rondo für Klavier in F-Dur (WAB 222/4)
Kompositionsübung für Klavier, „Adagio“
Auf S. 116–121 des Kitzler-Studienbuchs skizzierte Bruckner ein Rondo im
9/8‑Takt.
Auf eine „Themagruppe“ in dreiteiliger Liedform folgen ein „Trio“ in f‑Moll,
ebenfalls in dreiteiliger Liedform, und eine Variation der „Themagruppe“ mit deutlich
erweiterter 3. Periode. Auf einer weiteren Seite notierte Bruckner ein „2tes
Trio.“ (S. 121) in f‑Moll. Mit einem Kreuz ist darauf verwiesen, dass dieses
„Trio“ an die Stelle des ersten gesetzt werden soll. Vermutlich soll ein erster
Durchgang mit dem 1. „Trio“ und dann ein weiterer mit dem 2. „Trio“
gespielt werden.
Unter den Noten des 2. „Trios“ merkte Bruckner zu seinen Rondo-Studien an:
„Bisher hatte die Rondoform nur die Thema-Gruppe, gewöhnlich aus 3 theiliger
Liedform bestehend; dann eine 2te Trio genannt – meistens 2 theilige
Liedform dann Wiederholung der Themagruppe durch Variando – zuletzt Anhang.“
(S. 121).
Das auf S. 105, 1. und 2. System, des Kitzler-Studienbuchs notierte
achttaktige Thema in F‑Dur „für Adagio“ im 6/8‑Takt steht mit diesem Rondo in keinem
Zusammenhang.
Rondo für Klavier in G-Dur (WAB 222/5)
Kompositionsübung für Klavier
Auf S. 122–126 (2. System) des Kitzler-Studienbuchs versuchte sich Bruckner
an einer erweiterten Rondoform im 6/8‑Takt. Dazu notierte er oben auf S. 122:
„a Themagruppe – 2 o[der] 3 theilige Liedform /
b Übergangsgruppe / c Gesangsgruppe in Dom[inante]. / d
Übergangsgruppe / e Wiederholungs [sic] der Themagruppe / f “ Gesangsgruppe
in Tonica“. Nach einer ersten verworfenen (durchgestrichenen) Skizzierung der
„Themagruppe“ setzte Bruckner diesen Bauplan um. Die Komposition weist im
Wesentlichen den Aufbau eines Sonatenrondos auf.
Auf die 16-taktige „Themagruppe“ in zweiteiliger Liedform (A-Teil) und eine kurze
„Übergangsgruppe“ folgt die „Gesangsgruppe“ (B-Teil) in D‑Dur. Fünf Takte vor dem
Ende der „Gesangsgruppe“ ist ein Einfügungszeichen notiert, dass auf die auf
S. 136 notierte 18‑taktige „Durchführungsgruppe“ (C-Teil), die Material aus der
„Themagruppe“ verarbeitet, verweist. Aller Wahrscheinlichkeit nach soll die
„Durchführungsgruppe“ aber erst nach der „Gesangsgruppe“ eingefügt werden (dafür
spricht, dass Bruckner am Ende der „Durchführungsgruppe“ noch einige Anfangsnoten der
„Themagruppe“ notierte).
Die „Durchführungsgruppe“ (C) kann analog als Durchführung einer Sonatenhauptsatzform interpretiert
werden, der vorangehende Teil der Komposition (AB) als Exposition. Der restliche Teil
der Komposition entspricht einer Reprise (A‘B‘A‘‘)mit Coda: An die
„Durchführungsgruppe“ schließen sich Variationen der „Themagruppe“ und der
„Gesangsgruppe“ sowie eine weitere Variation der „Themagruppe“ und abschließend ein
9-taktiger „Anhang“ an.
Bruckner experimentierte hier mit der Form des klassischen Sonatenrondos, indem er
die „Durchführungsgruppe“ mit der Doppelfunktion der nach der „Gesangsgruppe“
variiert wiederkehrenden „Themagruppe“ und der Durchführung ausstattete.
Zur zweiten Variation der „Themagruppe“ vermerkte Bruckner den Hinweis Otto Kitzlers: „Die letzte Themagruppe ist
nicht Variation; für ein Rondo zu viel varirt.“ (S. 125 unten).
Rondo für Klavier in e-Moll (WAB 222/6)
Kompositionsübung für Klavier
Auf S. 126, 3. System, bis S. 130, 3. System, des
Kitzler-Studienbuchs notierte Bruckner ein Rondo im 2/4‑Takt.
Die Komposition entspricht in ihrem Aufbau dem klassischen Sonatenrondo. Auf die
32-taktige „Themagruppe“ in zweiteiliger Liedform (A-Teil) folgt nach einer
Überleitung eine in ihrem Charakter beschwingtere „Gesangsgruppe“ in dreiteiliger
Liedform in G‑Dur (B-Teil). An diese schließt sich eine Variation an, die sich
weniger auf die „Themagruppe“, als mehr auf die daran gekoppelte Überleitung
bezieht – so vermerkte Bruckner hierzu „NB eigtl mehr Anfangsdurchführungsgruppe
als Anfang“ (S. 127).
Erst einige Seiten später, auf S. 135, ist eine an dieser Stelle einzufügende
„Durchführungsgruppe“ zum Hauptthema notiert. Dieser Abschnitt (C-Teil) kann analog
als Durchführung einer Sonatenhauptsatzform interpretiert werden, der vorangehende Teil der
Komposition (ABA‘) als Exposition.
Hiernach folgt, entsprechend einer Reprise, in abgewandelter Form wieder der
komplette der Durchführung vorangehende Teil: Die „Themagruppe“ kehrt nahezu
unverändert wieder; auf eine neu gestaltete Überleitung, in der zwei Motive aus der
„Themagruppe“ miteinander verbunden werden, folgen Variationen der „Gesangsgruppe“
(in e‑Moll) und der 2. Periode der „Themagruppe“. Den Abschluss bildet eine
21-taktige Coda mit ausladender Kadenz.
Rondo für Klavier in Es-Dur (WAB 222/7)
Kompositionsübung für Klavier, „Adagio“
Zu dem Sonatenrondo im 4/4‑Takt auf S. 130, 4. System, bis S. 134 des
Kitzler-Studienbuchs notierte Bruckner, wie zum
Rondo für
Klavier in G‑Dur
von S. 122–126 und 136, die
Kompositionsaufgabe: „Rondoform im Adagio mit 1 theiliger Liedform in der
Themagruppe, samt Anhang u[nd] Übergangsgruppe = Gesangsphrase (anstatt
Gesangsgruppe) mit Anhang, dann Wiederholung derselbe[n] Gruppe“ (S. 130).
Die 10-taktige „Themagruppe“ (A-Teil) in einteiliger Liedform ist durch fortlaufende
triolische Akkordzerlegungen in der linken Hand geprägt und schließt auf der Tonika.
Eine 8-taktige Überleitung, die sich durch durchgehende kleinschrittige regelmäßige
Sechzehntelbewegungen von der „Themagruppe“ absetzt, führt zur „Gesangsphrase“
(B-Teil). Nach der „Gesangsphrase“ und vor drei daran angehängten Takten ist ein
Einfügungszeichen markiert. Hierhin gehört die auf S. 133,
4. System,–S. 134 notierte 34-taktige „Durchführungsgruppe“ (C-Teil) sowie
der davor notierte überleitende Takt zu derselben. Die „Durchführungsgruppe“
verarbeitet Material aus der „Themagruppe“ und weist wie diese durchwegs triolische
Akkordzerlegungen auf.
Nach diesem der Durchführung des Sonatensatzes entsprechenden Abschnitt folgt, wie
für die Form des Sonatenrondos üblich, die „Reprise“: eine Variation der T. 1–24
plus eine weitere Variation der „Themagruppe“.
Wie beim Rondo für Klavier in G‑Dur von S. 122–126
und 136 stattete Bruckner hier die „Durchführungsgruppe“ mit der Doppelfunktion
der nach der „Gesangsphrase“ variiert wiederkehrenden „Themagruppe“ und der
Durchführung aus.
Literatur
- Paul Hawkshaw, Das Kitzler-Studienbuch: ein unschätzbares Dokument zu
Bruckners Arbeitsweise, in: Bruckner‑Symposion
1995Othmar Wessely u. a. (Hg.), Bruckner-Symposion. Zum Schaffensprozeß in den Künsten. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1995. 20.–24. September 1995. Bericht. Linz 1997, S. 95–109
- Paul Hawkshaw, A Composer Learns his Craft: Anton Bruckner‘s Lessons in Form and Orchestration, 1861–63, in: The Musical Quarterly 82 (1998) H. 2, S. 336–361
- Wolfgang Rathert, Die Kammermusik, in: Bruckner-Handbuch 2010Hans-Joachim Hinrichsen (Hg.), Bruckner-Handbuch. Stuttgart–Weimar 2010, S. 310–321
-
NGAAnton Bruckner. Sämtliche Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hg. v. der Generaldirektion der Österreichischen Nationalbibliothek und der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1951ff. (Editionsleitung: Leopold Nowak, auch als Neue Gesamtausgabe bezeichnet) XXV, S. VII–XII