Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Totenlieder (WAB 47/1-2 [alt 47 und 48]) „O ihr, die ihr heut‘ mit mir zum Grabe geht“
Totenlieder stellen im Bereich der christlichen Konfessionen eine von fünf musikalischen Möglichkeiten (Requiem, individuelle Trauerkompositionen, Singen an der Bahre, Singen am Grab, Blasen von Aequales) dar, eine Verbindung zum Tod und zur Grablegung der Gläubigen herzustellen. Sie sind im katholischen Süden, v. a. im ländlichen Bereich, weit bekannt und waren zumeist dazu bestimmt, von den Schulknaben (Sopran, Alt) unter der Leitung des Schulmeisters (Bass) entweder an der Bahre des Verblichenen (sogen. „Urlaublied“) oder am offenen Grab gesungen zu werden. Obwohl ihre Komponisten und Dichter meist unbekannt sind, kann in vielen Fällen davon ausgegangen werden, dass es sich bei ihren Schöpfern um lokale Schulmeister handelt. Hinweise darauf finden sich etwa in den oberösterreichischen Beständen der sogenannten Sonnleithner-Sammlung (Gesellschaft der Musikfreunde in Wien) bzw. in handschriftlichen Musikalien aus dem Umfeld der Linzer Präparandie, die sich im Besitz des Anton Bruckner Institutes Linz (ABIL) befinden.
Bruckner weicht bei seinen beiden Totenliedern vom gängigen, in Oberösterreich überaus häufig anzutreffenden Typus insofern ab, als sie für vier gemischte Stimmen komponiert sind, was jedoch nicht heißen soll, dass die vierstimmige Form als Eigenschöpfung Bruckners zu werten ist, da auch sie – wenngleich seltener als die dreistimmige – im Oberösterreich des 19. Jahrhunderts anzutreffen ist. Bruckners Totenlieder sind zum Gebrauch für seinen Schulfreund, den Lehrer Josef Seiberl in St. Marienkirchen an der Polsenz, geschrieben und gelangten vermutlich noch im Entstehungsjahr zur Uraufführung. Für wessen Begräbnisse sie bestimmt waren, lässt sich derzeit nicht eruieren. Der Beginn des Totenliedes in Es‑Dur erinnert deutlich an die früher entstandenen Chöre Der Lehrerstand und Psalm 22. Nur dem ersten Totenlied in Es‑Dur fügte Bruckner die Angabe „Langsam“ hinzu; beim zweiten Totenlied in F‑Dur wurde in der Neuen Gesamtausgabe „Getragen“ ergänzt.
Auch die für Männergesang verfassten Chöre Vor Arneths Grab und Am Grabe können cum grano salis dem Typus des Totenliedes zugerechnet werden.
Literatur
- Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 2/1, S. 131f.
- Walter Deutsch/Gerlinde Hofer, Die Volksmusiksammlung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (Sonnleithner-Sammlung, Schriften zur Volksmusik 2). Wien 1969
- Othmar Wessely, Oberösterreichische Totenlieder aus dem Umkreis des jungen Bruckner, in: Bruckner‑Symposion 1985Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Symposion. Anton Bruckner und die Kirchenmusik. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1985. 19.–22. September 1985. Bericht. Linz 1988, S. 73–83
- Klaus Petermayr, Lieder und Tänze um 1800 im Hausruckviertel aus der Sonnleithner-Sammlung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (Corpus Musicae Popularis Austriacae 18). Wien 2006
- Klaus Petermayr, Anton Bruckners Totenlieder WAB 47 und 48 im volkskundlichen und regionalhistorischen Kontext, in: IBG-MitteilungsblattMitteilungsblatt der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Studien & Berichte. Hg. v. der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1971ff. Nr. 91 (Dezember 2018), S. 5–11
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 20.9.2018
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Totenlied in Es‑Dur (WAB 47/1)
Totenlied in F‑Dur (WAB 47/2)
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Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e10067