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Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel

„Und steht’s dann still in seinem Lauf’“ (WAB add 237)

Fragmentarischer Liedentwurf für vierstimmigen Männerchor in d-Moll

Text: vermutlich nach Clemens August Freiherr Droste zu Vischering (1773–1845)
EZ: ca. Anfang 1845 bis 1850er Jahre in St. Florian oder Linz
Aut.: Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/10, Entwurf)

Als Textvorlage für den Liedentwurf diente das mehrfach in Tageszeitungen abgedruckte Gedicht von Clemens August Freiherr Droste zu Vischering (1773–1845). Neben einem ersten Nachweis 1816 unter dem Titel Spruch in einer aus drei Gedichten bestehenden Sammlung finden sich zahlreiche Neuauflagen des Gedichtes in verschiedenen Tageszeitungen (Wiener Zeitung) und Wochenzeitschriften (Der Humorist, Der katholische Christ) – in späteren Abdrucken jedoch zumeist einzeln. Es bleibt Spekulation, wann Bruckner in Kontakt mit der Textvorlage kam, jedoch mögen die Auseinandersetzungen der Erzdiözese Köln und dem preußischen Staat sowie die Rolle, die Droste zu Vischering als Erzbischof in diesem Streit einnahm, auch in Oberösterreich als zeitgeschichtliche Entwicklung beachtet worden sein.

In der überlieferten Handschrift finden sich lediglich die letzten beiden Verse („Und steht‘s dann still in seinem Lauf, zieht‘s unser lieber Herrgott auf!“) des insgesamt zwölfzeiligen Gedichts, sodass von einer fragmentarischen Überlieferung im Entwurfsstadium ausgegangen werden kann, die durch wechselnde Schreibmedien (Tinte zu Bleistift) und Streichungen und Korrekturen gekennzeichnet ist.

Bruckner scheint den Kompositionsprozess dabei mehrfach unterbrochen zu haben, denn der vorliegende Teil des Entwurfes deutet eine Neugestaltung des Liedschlusses an und weist mit punktuellen Tintenkorrekturen wiederum auf eine weitere Korrekturschicht.

Dem fragmentarischen Charakter entsprechend, sind nicht alle musikalischen Parameter des Liedes eindeutig bestimmbar: Neben der Rhythmisierung in fast durchgängig Viertel- und Achtel-Noten im 4/4-Takt sowie einer Stimmführung in Terz- und Sextparallelen lässt sich weder die Besetzung noch die tonartliche Zuordnung abschließend bestimmen. Anzunehmen ist ein Arrangement für vierstimmigen Männerchor (TTBB) sowie eine Verortung nach d-Moll, die jedoch in T. 6–7 mit einer Ausweichung nach Cis-Dur eine Abschnittsbildung weit vom tonalen Ausgangsmaterial bereitstellt. Gerade das asymmetrische Wort-Tonverhältnis in den gestrichenen T. 3–4 mag Bruckner zu einer erneuten Überarbeitung bewogen haben.

Ob Bruckner die Komposition aufgrund der strukturell eher simplen, parallelen Stimmführung sowie der nahezu homorhythmischen Anlage nicht vollendete oder ob möglicherwiese aufführungspraktische Überlegungen die Fertigstellung verhinderten, bleibt offen.

Text:

Stell‘ himmelwärts, stell‘ himmelwärts

Wie eine Sonnenuhr, dein Herz!

Denn wo das Herz nach Gott gestellt,

Da geht es mit dem Schlag; da hält

Es jede Prob‘ in dieser Zeit

Und hält sie in der Ewigkeit;

Es geht nicht vor, es geht nicht nach,

Es schlägt nicht stark, es schlägt nicht schwach,

Es bleibt sich gleich, geht wohlgemuth

Bis zu dem letzten Stündlein gut;

Und steht's dann still in seinem Lauf,

Ziehts unser li[e]ber Herrgott auf!

Literatur

CLEMENS GUBSCH

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 22.10.2020