Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
„Kindliche Lieb’” (WAB add 233)
Liedentwurf für vierstimmigen gemischten Chor in d-Moll
| Text: | unbekannt |
| EZ: | ca. Anfang 1850er Jahre in St. Florian oder Linz |
| Aut.: | Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/35, Entwurf) |
Über den 20taktigen Liedentwurf Kindliche Lieb für vierstimmig gemischten Chor ist wenig bekannt; weder der Textdichter der Textvorlage noch der Titel der Komposition lassen sich nach aktuellem Forschungsstand gesichert angeben.
Ebenso weisen weder der Liedentwurf noch die zusammen mit diesem überlieferte, autografe Partitur des vierstimmigen Männerchores Das edle Herz (WAB 65, Stiftsarchiv, St. Florian 20/35) eine Datierung auf. Dennoch spricht die gemeinsame Aufbewahrung für einen ähnlichen Entstehungszeitraum und damit für den Übergang zwischen Bruckners St. Florianer und Linzer Zeit um 1850/1855.
Mit Blick auf den in Paarreimen angelegten Liedtext, der die Entwicklung eines Sängers vom Erlernen der Lieder und der Verbesserung der Gesangsfähigkeiten nachzeichnet sowie in dem Ausruf „Vater soll leben im trauten Verein!“ gipfelt, erschließen sich einerseits die Gesangvereine mit ihren Sängerfesten und Sängerfahrten als ein möglicher Kompositionskontext. In zeitlicher Nähe wären die für das Passauer Sängerfest komponierten Sängersprüche Ein jubelnd Hoch in Leid und Lust (WAB 83/1) und Lebt wohl, ihr Sangesbrüder (WAB 83/2) vorbildhaft. Andererseits deutet die nahezu in allen musikalischen Parametern angelegte Simplizität (s. u.) auf eine Komposition hin, die im Rahmen des von Bruckner erteilten Unterrichts entstanden sein könnte.
Bruckner notierte in diesem Liedentwurf nur die Sopranstimme vollständig; die übrigen Stimmen sind nicht ausgeführt, lediglich in den T. 14–18 sind Harmonisierungen in den anderen Stimmsystemen skizziert, die jedoch eher auf eine Klavierbegleitung hindeuten. Die dabei aufscheinende Harmonik deutet auf akkordische Fortschreitungen im tonalen Raum der Haupttonart hin. Das rhythmische Muster des Liedentwurfs ist auf eine Folge von einer Viertel und zwei Achteln reduzierbar und wird lediglich durch Viertelpausen unterbrochen. Der melodische Gehalt reduziert sich ebenfalls auf ein Minimum bestehend aus Tonrepetitionen und kleinen Intervallschritten. Der Entwurf scheint Bruckner zunächst lediglich der Aufteilung des vorgegebenen Textes auf den basal strukturierten Rhythmus gedient zu haben. Ob die metrische Verlegung des Liedanfangs sowie die Rücknahme dieser Veränderung mit der Notiz „gilt“ ein Vorgriff auf die für Bruckner in späteren Jahren typische rhythmisch-metrische Neustrukturierung von Satzabschnitten ist oder lediglich auf eine falsche Konzeption hindeutet, bleibt ebenso offen, wie die Beweggründe, die Bruckner zum Abbruch der Komposition führten.
| Text: |
Kindliche Lieb will des Tages sich freu’n Vater ein Lied aus dem Herzen dir weih’n Nimm es mit Nachsicht und freundlich dahin Denk das ich nur noch [?] ein Zwitscherer bin Doch wenn die Zeit mich zum Sänger erhob dann magst du spenden zur Liebe das Lob dann will ich singen Jahr aus & Jahr ein Vater soll leben im trauten Verein, Vater soll leben im trauten Verein. |
Literatur
- Paul Hawkshaw, Lied als Lehrmittel: Die Lieder in den Formenlehren Anton Bruckners während seiner Studienzeit bei Otto Kitzler 1861–1863, in: Bruckner-Tagung 2003Roland Bachleitner/Erich Wolfgang Partsch (Hg.), Bruckner-Tagung Steyr 2003. Bruckner – vokal. Sonderthema: Musikgeschichte Steyrs. Stadtpfarrhof, 23.–25. Oktober 2003. Bericht (Bruckner-Vorträge). Wien 2009, S. 179–195
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 22.10.2020
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_qtm_2j3_gnb