Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Techno
Ein Brückenschlag von Bruckner zu Techno, von hochkultureller apotheotischer Monumentalsymphonik des 19. Jahrhunderts zu apothekal aufgeputschter Subkultur elektronischer Musik für tanzwütige Jugendliche Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts, scheint auf den ersten Blick mehr als gewagt. Findet der Analytiker in Jazz und Rockmusik auf harmonischer, melodischer wie rhythmischer Ebene durchaus vergleichbares Potential wie in komplexen symphonischen Strukturen, so scheinen die Hervorbringungen der weitgehend kommerziellen, Chart-orientierten Technoszene eher um die Eliminierung musikalischer Elemente bemüht zu sein. Die Wurzeln dieser neuzeitlichen elektronischen Tanzmusik, inklusive aller sich definitorisch und terminologisch vielfach überschneidenden Unterkategorien wie Drum‘n‘Bass, Trance, Jungle, Breakbeat, Ambient etc., sind in den 1970er und 1980er Jahren (minimalistische Strukturen der elektronischen Rockmusik, elementarrhythmische Discomusic, Detroiter House Music) zu finden.
Insbesondere die collagierende Integration von Außen- bzw. Fremdmaterial durch die Sampling-Technik betreffend basiert Techno auf den experimentellen Ansätzen der sogenannten Musique concrète, deren Mit-Erfinder Pierre Henry (1927–2017) somit auch als Mitbegründer der Techno-Richtung gilt. Die bereits Ende der 1940er Jahre von Pierre Schaeffer (1910–1995) definierte Musique concrète bezieht echte Geräusche aus Natur, Technik, Alltagswelt bzw. Umwelt mit ein, indem sie diese aufzeichnet, bearbeitet, verfremdet und damit Klangcollagen kreiert. 2005 komponierte Henry eine mehrsätzige Symphonie Comme une symphonie, envoi à Jules Verne, die collagenhaft Fragmenten aus Bruckners Symphonien die unterschiedlichsten Klänge und Geräusche simultan gegenüberstellt. Trotz des geräuschhaften Gesamteindrucks zeigen die repetitiven strukturellen Elemente sowie die blockhafte Gegenüberstellung von Klangzonen Parallelen zu Bruckners Form- und Strukturdenken. Ein Baukastenprinzip, das sich im weitesten Sinne auch in der Sampling-Technik moderner Technokonstruktionen auf dem PC wiederfindet.
Der Kölner Musikproduzent Wolfgang Voigt (* 1961) gilt als Mit-Begründer des Minimal Technos in Deutschland, einer Stilrichtung, die auf minimalistische Ausdünnung des Arrangements Wert legt. In den 1990er Jahren publizierte Voigt (2008 in 2. Aufl. unter dem Titel Nah und Fern) den „Zyklus“ Gas, der scheinbar improvisatorisch Klangflächen zusammenbaut, die der Stilrichtung Ambient zuzuordnen sind und partiell auf Samples von Ausschnitten aus Bruckner-Werken basieren – eine Mixtur also von Technominimalismus und opulentestem Orchestermaterial romantischer Monumentalkompositionen. Die konkreten Strukturen sind so verfremdet, dass einzelne Identitäten der gesampelten Kompositionsfragmente bis zur Unkenntlichkeit im allgemeinen Flächenstrom untergehen. Ähnlich wie bei der Musique concrète von Henry scheint die Patchwork-Collage von symphonisch aufgeladenen Klangflächen mit Bruckner-Fragmenten, geräuschhaften wie synthetischen Bassfrequenzen und Technogrooves eine Welt widerzuspiegeln, die an ihren großen Gegensätzen zu zerbrechen droht.
Literatur
- Rainer Boss/Erich Wolfgang Partsch, Bruckner und Techno??? Einige Gedanken zur Verarbeitung von Brucknerschen Strukturen in Kompositionen von Pierre Henry und Wolfgang Voigt, in: IBG‑MitteilungsblattMitteilungsblatt der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Studien & Berichte. Hg. v. der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1971ff. Nr. 76 (Juni 2011), S. 12–22
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 24.8.2020
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e6769