Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Schulwesen zur Zeit Bruckners
Für Bruckner als Schüler und Lehrer war die auf den maria-theresianischen und josephinischen Reformen basierende Politische Verfassung der deutschen Schulen in den k. und auch k. k. deutschen Erbstaaten aus dem Jahr 1804 verbindlich. Durch mehrere Ergänzungen revidiert, blieb sie im Grunde bis 1869 („Reichsvolksschulgesetz“) wirksam. Die pädagogisch-didaktische Aufsicht über die Schuleinrichtungen war von staatlicher Seite her der Amtskirche zugeordnet, d. h. der Seelsorger war der Aufseher des Schullehrers.
Schulpflichtig waren alle Knaben und Mädchen vom 6. bis zum 12. Lebensjahr. In der Realität kamen aber nur ein Drittel oder Viertel der Kinder zum Unterricht, so dass die Analphabetenrate weiterhin hoch blieb. In den amtlichen Bestimmungen wurde zum Teil versucht, durch individuelle Regelungen Hindernisse seitens des Elternhauses zu beseitigen; so durfte die Schulzeit in Hinblick auf landwirtschaftliche Erfordernisse variabel gestaltet werden (zur Originalquelle, § 82, s. Zamazal, in: Staat – Kirche – Schule, S. 135).
Drei Schultypen waren institutionell verankert: Trivialschulen (auch gemeine Volksschulen oder Elementarschulen genannt) für die elementare Unterweisung (Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen), Hauptschulen und Realschulen. Während die drei- oder vierklassigen Hauptschulen „zur Vorbereitung für Künste und Handwerke, und für die Handlung geringerer Art“ (zit. n. Zamazal, in: Staat – Kirche – Schule, S. 129) dienen sollten, waren die Realschulen für jene Schüler vorgesehen, „welche sich den höheren Künsten, dem Handel, dem Wechselgeschäfte, den herrschaftlichen und Staatswirthschaftsämtern, den Buchhaltungen widmen wollen“ (zit. n. Zamazal, in: Staat – Kirche – Schule, S. 129).
Im Zentrum der Ausbildung stand eindeutig die Trivialschule. Um 1840 gab es in Oberösterreich 469 Volksschulen mit knapp 500 Lehrern und fast 400 Gehilfen. Sie hatten rund 74.500 „Wochenschüler“ (an allen Tagen einer Schulwoche) und 34.000 in stark verkürztem Wiederholungsunterricht an Sonntagen (Verzeichnis 1838). Beispielsweise hatte der Vater Bruckners (Bruckner, Familie) in seiner Volksschule in Ansfelden rund 200 schulpflichtige Kinder zu unterrichten.
Im Gegensatz dazu existierten 1842 in ganz Oberösterreich überhaupt nur sechs Hauptschulen (Linz, Wels, Steyr, Kremsmünster, Ried, Freistadt); Normal- oder Muster-Hauptschulen sorgten in der Landeshauptstadt Linz für die Ausbildung der Lehramtskandidaten.
Der Lehrberuf war dem in Zünften geregelten Handwerk sehr ähnlich: Der Haushalt des Lehrers war Wohn- und Arbeitsgemeinschaft für ihn und seine Gehilfen, die vorrangig Kost und Quartier erhielten. Die Bezahlung setzte sich aus den einzelnen Leistungen zusammen, variierte jedoch auch von Ort zu Ort. In vielen Fällen gehörten die Ausführung der Kirchenmusik (Regens chori, Organist) sowie Dienste als Mesner oder Schreiber zu den Pflichten des Lehrers. Mögliche Nebenbeschäftigungen konnten auch die Ausübung eines Handwerks oder das Musizieren für profane Zwecke (Tanz und Tanzmusik) sein. Überdies sorgte ein alter Rechtsanspruch für Einnahmen in Form von Naturalien.
130 bzw. 70 Gulden jährliches Einkommen für einen Schulmeister bzw. Gehilfen sind als Richtwerte anzunehmen. Eine soziale Absicherung gab es nicht; ab 1820 existierte in Linz ein Pensions-Institut für Schullehrers-Witwen und ‑Waisen als Institution für Eigenvorsorge, dem u. a. Bruckners Vater angehörte.
Die Schulhäuser waren häufig in schlechtem Zustand und die Arbeitsbedingungen mühsam. Der Volksschullehrer Mathias Leutgäb erinnerte sich an sein Schulhaus in Kronstorf 1865: „[Der] Kuhstall ist der schönste Theil des Hauses. In der Küche war noch ein offener Herd, auf den man die Töpfe stellen mußte, Mauer und Fenster waren ganz schwarz. Aber auf mein Ansuchen erhielt ich einen Sparherd mit zwei Kupferschiffen.“ (zit. n. Zamazal 1988, S. 31).
Literatur
- Verzeichnis des Personal-Standes der deutschen Schulen in der Diöcese Linz. Linz 1838
- Helmut Engelbrecht, Geschichte des österreichischen Bildungswesens. Bd. 3: Von der frühen Aufklärung bis zum Vormärz. Wien 1984
- Franz Zamazal, Bruckner als Volkschullehrer, in: Bruckner‑Symposion 1988Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Symposion. Anton Bruckner als Schüler und Lehrer. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1988. 21.–25. September 1988. Bericht. Linz 1992, S. 27–34
- Franz Zamazal, Familie Bruckner – Drei Generationen Lehrer. Schulverhältnisse – Ausbildung – Lebenslauf, in: Staat – Kirche – SchuleHarry Slapnicka u. a., Staat – Kirche – Schule in Oberösterreich. Zu Anton Bruckners sozialhistorischem Umfeld. Mit einem Beitrag über das Orgelspiel des jungen Bruckner (Anton Bruckner. Dokumente und Studien 10). Wien 1994, S. 97–207
Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 22.9.2017
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e6526