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Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel

Formelsprache

Für Formelsprachen aller Art – sowohl verbaler als auch nonverbaler – gilt als wichtigste Voraussetzung die Schaffung eines Strukturierungsmodells, das eine beliebige Variation von wenigen feststehenden Grundelementen zulässt. Bruckners Schulhefte von 1838 belegen ausdrücklich die Übung eines solchen Formelsprachenkanons und bildeten damit wahrscheinlich den Grundstein für diese konstruktivistische Denkweise, die aber eine große Arbeitserleichterung darstellt. Auch in Bruckners Briefen merkt man, dass ganze Satzelemente austauschbar sind, ohne dass die Aussage entstellt wird, wodurch gewaltige Abfassungserleichterungen für den Briefschreiber möglich waren.

Im musikalischen Denken verfuhr Bruckner genauso. Möglicherweise spielte hier das Erlernen des strengen Generalbasses, der ja für jeden Musiker des 19. Jahrhunderts in Österreich immer noch verpflichtend war, eine analoge Rolle. Die Generalbasslehre ermöglicht die Kombination von Akkorden und zergliedert damit einen größeren Werkabschnitt von der Konstruktion her in kleinere Module. Die Vorteile dieses Verfahrens (ohne das Wolfgang Amadeus Mozart überhaupt nicht imstande gewesen wäre, seine Arbeitsleistung rein zeitlich zu bewältigen), sind evident: die Bequemlichkeit, bei entsprechenden Wünschen sofort ein Repertoire dafür vorgesehener Wendungen in der Schublade liegen zu haben, oder der Schutz der eigenen Emotionalität gegenüber einem objektivierten formelhaften Verfahren, was politisch durchaus im Interesse der herrschenden Kräfte lag. Denn dem Schüler wurde die freie Auseinandersetzung mit einem Gegenstand automatisch dahingehend verwehrt, dass er sich, eingezwängt in das Korsett der einmal erlernten Formen, an einen bestimmten Umgangston zu halten hatte, der autoritätsbezogen war. Ein Ausbrechen aus den Zwängen dieser Autorität wäre nur mit dem Verlassen des vertrauten Formelgewebes möglich gewesen, wozu allerdings viel Energie und Selbstbewusstsein nötig gewesen wären.

Bruckner, der nachweisbar kein Verhältnis zur literarischen Dichtung (Literatur, Textdichter) hatte – es sei denn im religiösen Kontext und in der Unübersehbarkeit höchster Qualität (Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe etc.) – , was ihn denn auch in die Vertonung der Texte à la Germanenzug, Das deutsche Lied (Der deutsche Gesang) oder Helgoland zwang, trug diese Formelsprache in seinen Kommunikationsgewohnheiten quasi wie einen Schutzschild vor sich her und verbarg dahinter – erfolgreich – die eigene Ungeschicklichkeit im Umgang mit Sprache.

Musikalisch gesehen bot ihm dieses formelsprachliche Denken, was auch später an seinen rhythmischen Überprüfungen und Metrik-Untersuchungen an eigenen und fremden Werken deutlich wird, ein Sicherheitsnetz, das sein Denken bei aller Freiheit der symphonischen Disposition niemals aus einem überschaubaren und nachvollziehbaren formalen Raster fallen ließ.

Literatur

MANFRED WAGNER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 1.9.2017