Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel
Krackowizer, Ferdinand
* 27.5.1844 Wels, Oberösterreich/A. † 20.10.1933 Linz Oberösterreich/A. Archivar und Schriftsteller.
Sohn des Juristen und Familiengeschichtsforschers Ferdinand Krackowizer (1813–1893) erhielt Krackowizer vermutlich den ersten Musikunterricht während seiner Zeit im Stiftsgymnasium Kremsmünster (1854–1862). Nach der Matura folgte ein Jus-Studium an der Universität Wien (1862–1865) und Innsbruck (1865–1868). 1868 Promotion als Doktor juris in Innsbruck. Bereits während des Studiums ab 1866 war er in einer Salzburger Anwaltskanzlei angestellt sowie Mitglied der Salzburger Liedertafel. Zunächst in Salzburg und anschließend ab 1868 in Linz war Krackowizer als Konzeptspraktikant im Landesdienst tätig und wurde 1875 Landesarchivar und Registrator in Linz. Nach dem Ruhestand 1903 folgte 1921 der Ehrentitel „oberösterreichischer Landesarchivdirektor“, der von der oberösterreichischen Landesregierung verliehen wurde. Krackowizers Verdienst liegt vorwiegend in seinen archivarischen Tätigkeiten, d. s. die Neueröffnung des Landesarchivs, die Akquise neuer Bestände, die Publikation zahlreicher Archivverzeichnisse sowie die öffentliche Hinwendung zum Archivschutz. Trotz dieser Leistungen kann bei Krackowizer mehr vom Archivar des Typus des „musealen Sammlers“ als des „wissenschaftlichen Leiters“ gesprochen werden – dies spiegelt sich auch in seinen Schilderungen über Bruckner wider.
Krackowizer datiert seine erste Begegnung mit Bruckner unmittelbar auf das Jahr seines Umzuges nach Linz 1868, denn mit der Übersiedlung nach Linz tritt Krackowizer der Liedertafel „Frohsinn“ bei, die Bruckner in diesem Jahr noch in zweiter Amtszeit dirigierte. Krackowizer berichtet anekdotisch über die Proben der Liedertafel zum Männerchor Germanenzug vermutlich im Vorlauf der Aufführungen am 18.07., 07.08. und 12.09.1868: „Seinen eigenen schönen Chor ‚Germanenzug‘ jedoch übte er mit Begeisterung. Bei einem Pianissimo desselben konnten wir ihm nicht leise genug singen und als er einmal diese Stelle immer wiederholen ließ und wir es ihm gar nicht recht machen konnten, streikten die Tenore [sic] und schwiegen. Bruckner aber rief befriedigt: ‚Jetzt war’s recht, meine Herren!‘“ (Innsbrucker Nachrichten, 22.12.1924 S. 3). Über die Probenzeit zur Messe in e-Moll für die Aufführung anlässlich der Einweihung der Votivkapelle in Linz am 29.09.1869 führt Krackowizer weiter aus: „Wie sehr wir unseren Chormeister liebten, bewies unsere Ausdauer bei dem wochenlangen Studium seiner äußert schwierigen Vokalmesse, die bei der Einweihung der Votivkapelle des neuen Domes aufgeführt wurde. Im warmen Augustmonat hielten Sänger und Sangesschwestern wohl über zwanzig Proben im dumpfen Saale geduldig aus, Bruckner in Hemdärmeln dirigierend.“ (Innsbrucker Nachrichten, 22.12.1924 S. 3).
Bereits im April 1868 hatte sich Krackowizer – wenngleich erfolglos –für Bruckner eingesetzt und im Zuge der Bewerbung Bruckners auf die Stelle eines Domkapellmeisters in Salzburg ein Empfehlungsschreiben an Franz Edlen von Hilleprandt (1796–1871) übermittelt. In Gesellschaft von Krackowizer sowie von Johann Aichberger (1813–1874) und dessen Nichten Hermine und Johanna Pichler (?–?) erlebte Bruckner am 5.5.1868 auf der Terrasse des Hotels „Zum roten Krebs“ den Einsturz der Donaubrücke.
Auch nach Bruckners Übersiedlung nach Wien scheint der Kontakt zwischen beiden fortbestanden zu haben, so dokumentiert Krackowizer, dass er Bruckner bei späteren Besuchen sowohl in St. Florian als auch in Linz Gesellschaft leistete. So soll Bruckner Krackowizer mehrmals nach dem Text für ein Oratorium gebeten haben: „Dort bat er mich öfters: ‚Gehen’s Herr Doktor schreiben’s mir ein Oratorium.‘ Er hatte zu mir das Vertrauen, ich könnte ihm einen passenden Text liefern. Und obwohl ich ihm einwendete, ich hätte dazu kein Talent und er selbst als ein tief religiöser Mann könne sich ja aus dem Alten oder Neuen Testament selbst am besten einen passenden Abschnitt wählen, bat mich Bruckner mehrmals um einen Oratoriumstext.“ (Innsbrucker Nachrichten, 23.12.1924 S. 3). Ob und inwiefern dieses Kompositionsprojekt realisiert worden wäre, muss jedoch bezweifelt werden, da Bruckners kompositorische Erfahrungen in dieser Gattung eher als gering einzuschätzen sind.
Überliefert ist außerdem ein Brief Bruckners an Krackowizer vom 17.12.1890, in welchem Bruckner von den Proben und der Drucklegung der 2. Fassung der Dritten Symphonie berichtet sowie sich für ein übersandtes Buch bedankt: „Spät komme ich; aber sicher, danke sehr für das hochinteressante Buch und gestehe, d[a]ß ich mich hie[r]mit recht geehrt fühle. Dieß [sic] hat für mich noch das spezielle Interesse, weil ich mich an jene Zeit noch ganz gut erinnern kann, u[nd] daher Vieles selbst gesehen habe. Nochmal – danke sehr!“ (Briefe II, S. 98). Naheliegend, scheint es sich vermutlich um Krackowizers humoristische Beschreibung seiner eigenen Schulzeit Naturgeschichte des österreichischen Studenten zu handeln, die 1890 bei Reclam erschienen war und in nachfolgenden Jahren große Popularität genoss. Natürlich träfen Bruckners Äußerungen auch auf Krackowizers Abhandlung über das Linzer Landestheater zu, scheinen jedoch aufgrund des zeitlichen Abstands zum Publikationsdatum als Referenzrahmen weniger wahrscheinlich. Ob Krackowizer seine Erinnerungen an die Begegnungen mit Bruckner aufgrund der Zentenarfeier anlässlich von Bruckners 100. Geburtstag niederschrieb oder möglicherwiese auch von seinem Neffen Maximilian dazu angeregt wurde, bleibt spekulativ, nichtsdestotrotz weist dieser Erinnerungsbericht ein Bruckner-Bild aus, das eine Vielzahl der Bruckner zugeschriebenen Charakterzüge und Eigenschaften beinhaltet, die aufgrund der Zeitzeugenschaft Krackowizers wohl als authentisch bewertet werden können.
Schriften
- Das Landestheater in Linz. 1870
- Heimatskunde von Oberösterreich. 1872
- Naturgeschichte des Kremsmünsterer Studenten. Linz, Feichtinger, 1877
- Naturgeschichte des österreichischen Studenten. Gymnasial-Humoresken. Leipzig 1890
- Aus dem alten Linz. In: Linzer Tages-Post. 1895
- Anton Bruckner. Persönliche Erinnerungen, in: Bergland-Kalender. 1925
- Linz im Jahre 1868. Festschrift, in: Linzer Volksblatt. 1928
- Biographisches Lexikon des Landes Österreich ob der Enns. Gelehrte, Schriftsteller und Künstler Oberösterreichs seit 1800. 1931
Literatur
- Trauungen-Duplikate 1865 der Stadtpfarre Steyr, [pag. 2]
- Ferdinand Krackowizer, Anton Bruckner. Persönliche Erinnerungen von Dr. Krackowizer, in: Innsbrucker Nachrichten, 22. und 23.12.1924, jeweils S. 3
- Zibermayr, Ignaz: Ferdinand Krackowizer. Jahrbuch des oberösterreichischen Musealvereines Bd. 86 (1935) S. 92–95
- Briefe IAndrea Harrandt/Otto Schneider (Hg.), Briefe von, an und über Anton Bruckner. Bd. I. 1852–1886 (NGA XXIV/1). 2., rev. und verbesserte Aufl. Wien 2009, S. 89
- Briefe IIAndrea Harrandt/Otto Schneider (Hg.), Briefe von, an und über Anton Bruckner. Bd. II. 1887–1896 (NGA XXIV/2). Wien 2003, S. 98f.
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Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 22.3.2023
Zitierlink: https://www.bruckner-online.at/ABLO_d1e1362