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Anton Bruckner-Lexikon online: Artikel

Giesen, Matthias

* 12.10.1973 Boppard am Rhein, Rheinland-Pfalz/D. Musiktheoretiker, Organist, Dirigent.

1993–2001 Studium der Kirchenmusik, Orgel, Musiktheorie und Hörerziehung in Stuttgart, Wien und Köln sowie Studium der Musikwissenschaft und Philosophie in Salzburg. Verschiedene Lehrtätigkeiten führten ihn an die Hochschule für Musik und Tanz Köln und an die Universität Wien. An der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien war er 2002/03 Lektor des Lehrgangs „Analyse nach Heinrich Schenker“ und seit 2003 Dozent für Musiktheorie, Analyse und Gehörbildung (derzeit karenziert). Seit 2014 ist er als Gastdozent an der Grieg-Akademie der Universität Bergen (Norwegen) tätig. Seit 2016 lehrt er Musiktheorie, Stilkunde sowie Partitur- und Generalbassspiel an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, seit 2019 hat er eine Professur für Musiktheorie am Institut für Theorie und Geschichte der Musik inne. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen analytische Studien zur Orgelmusik, Lehre Schenkers, zum Werk Bruckners sowie die Verflechtung von Analyse und Interpretation. Giesen ist Mitherausgeber der Bruckner Urtext Gesamtausgabe (ABUGA) (Gesamtausgaben), bei der er für die Herausgabe der Orgelwerke verantwortlich ist. Neben seinem akademischen Werdegang war er, nach kirchenmusikalischen Tätigkeiten in Köln, 1999–2003 zweiter Stiftsorganist am Augustiner-Chorherrenstift in St. Florian. 2003–2017 wirkte er dort als Stiftskapellmeister und dirigierte den Stiftschor, bis heute leitet er das Altomonte-Orchester und die Schola Floriana. 2005–2012 kuratierte er die Orgelkonzerte im Rahmen der Internationalen Brucknerfeste Linz (Brucknerfeste und -feiern). Seit 2006 ist er zusammen mit Klaus Laczika (* 1961) künstlerischer Leiter der St. Florianer BrucknerTage. Darüber hinaus trat er als Organist international auf und wirkte bei CD-, Rundfunk- und Fernsehaufnahmen mit.

Durch seinen kirchenmusikalischen Schwerpunkt kam Giesen vermutlich schon früh mit Bruckners Œuvre in Berührung. Eine intensivere Auseinandersetzung begann spätestens 1999 mit seiner Berufung zum Organisten an Bruckners früherer Wirkungsstätte in St. Florian, wo er unterstützend für Augustinus Franz Kropfreiter wirkte. Durch die Übernahme des von Kropfreiter gegründete Altomonto-Orchesters 2003, dessen Repertoire schwerpunktmäßig die Werke Bruckners beinhaltet, ist er ebenfalls mit den symphonischen und kammermusikalischen Werken Bruckners vertraut. Bei dem BrucknerTage-Festival, das jährlich im August stattfindet, tritt Giesen regelmäßig als Interpret und Dirigent von Bruckners Kompositionen sowie als Referent bei den Symposien auf, so z. B. als Interpret von Klaviert ranskriptionen zu den Symphonien 2006 gemeinsam mit Laczika sowie 2011, 2013 und 2014 gemeinsam mit Franz Farnberger (* 1952).

2002 fertigte Giesen eine Orgeltranskription der Fünften Symphonie in B-Dur an, die allerdings bis 2017 nie vollständig aufgeführt und mehrfach verändert wurde. Soweit bisher bekannt, ist Giesen der erste Bearbeiter, der eine vollständige Orgelbearbeitung der Fünften vorlegte. Im Rahmen der BrucknerTage 2004 führte Giesens ehemaliger Lehrer Johannes Geffert (* 1951) Fragmente aus Giesens Transkription an der Orgel vor. Am 16.8.2017 wurde schließlich die vollständige Einrichtung im Rahmen der Internationalen Bruckner-Orgelnacht in der St. Florianer Stiftsbasilika mit Giesen als Organist uraufgeführt. Anlässlich einer CD-Produktion, die 2019 veröffentlicht wurde, spielte Giesen seine Orgelversion der Fünften ein Jahr nach der Uraufführung (14.–17.10.2018) in der Stiftsbasilika ein. Im Booklet zur dazugehörigen CD-Produktion werden die klanglichen Möglichkeiten der Bruckner-Orgel und die Herausforderungen bei der Transkription erläutert: „Dabei geht es nicht darum, den Einzelklang der Orchester-Soli nachzuahmen, sondern die Vielfarbigkeit des Orgelinstrumentes in ihrer Eigenklanglichkeit erlebbar zu machen“ (Giesen, CD-Booklet). Ein möglicher Einfluss auf seine Herangehensweise an die Bearbeitung der Symphonien kann vermutlich auf seinen ehemaligen Orgellehrer Bernhard Haas (* 1964) zurückgeführt werden, der ebenfalls eine Orgeltranskription der Sechsten Symphonie in A-Dur vorlegte, die Haas am 27.9.2002 in der Stiftsbasilika in St. Florian vortrug.

Giesen legte eine weitere Bearbeitung der Sechsten Symphonie für Kammerensemble anlässlich der BrucknerTage 2016 vor. Seine Intention während des einjährigen Entstehungszeitraums war „nicht den Orchesterklang nachzuahmen, sondern eine eigenständige Kammermusikfassung zu machen, die auch ohne Kenntnis der Orchesterfassung gespielt werden kann“ (www.brucknertage.at). Als Instrumente wurden zwei Violinen, eine Viola, ein Cello, ein Kontrabass, eine Klarinette, ein Horn, ein Harmonium und ein Klavier verwendet. Die Erstaufführung des Arrangements fand am 17.8.2016 zusammen mit dem Altomonte Ensemble statt. Weitere Aufführungen sind bisher nicht bekannt.

Anlässlich der Veröffentlichung einer CD-Produktion im Mai 2002, bei der Giesen Werke mehrerer Komponisten auf der Bruckner-Orgel im Augustiner-Chorherrenstift einspielte, legte er auch eine eigene Transkription des Adagios aus dem Streichquintett in F-Dur für Orgel vor. Sein Interesse an der Transkription dürfte sich vorrangig aus der orgelfremden Gattung ableiten lassen, die ein „Klangbestreben [aufweist], welches über das traditionelle Orgel-Instrument hinausgehen will“ (Giesen, CD-Booklet). Die Anlage ähnelt der Orgeltranskription des Adagios aus dem Streichquintett von Erwin Horn, mit der Giesen vermutlich vertraut war. Neben der Uraufführung im Rahmen der CD-Einspielung fanden weitere Aufführungen der Bearbeitung mit Giesen als Interpret am 31.7.2009 in der St. Andrew’s Cathedral in Sydney, am 23.11.2009 in der St. Johanniskirche in Würzburg, am 4.6.2013 in St. Nicolai in Hamburg, am 20.6.2016 im Dom in Trier, am 20.5.2017 in der Kathedrale von St. Gallen sowie am 21.7.2019 in St. Paulus in Herford statt.

Werke
  • Choralvertonungen (Deinen Tod, o Herr, verkünden wir; Psalm 90; Sei gegrüßet, Jesu gütig)
  • Orgelwerke (Nachtstück I)
  • Bearbeitungen von Werken von Anton Bruckner (Fünfte Symphonie, Adagio aus dem Streichquintett in F-Dur, Sechste Symphonie in A-Dur)
  • Continuobearbeitungen von Werken von Johann Joseph Fux (Messen, Triosonaten).
Schriften
Literatur

KAROLINE HOCHSTÖGER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 16.11.2021

Medien

Kategorien

Normdaten (GND)

Giesen, Matthias: 1198448814

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