{"id":1226,"date":"2016-05-21T16:33:57","date_gmt":"2016-05-21T14:33:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bruckner-online.at\/?page_id=1226"},"modified":"2016-05-22T02:38:38","modified_gmt":"2016-05-22T00:38:38","slug":"weitere-studien","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.bruckner-online.at\/?page_id=1226","title":{"rendered":"Geschichte Dom-Musikarchiv Linz"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\">Miszellen zur Bestandsgeschichte des Dom-Musikarchivs in Linz<\/h3>\n<p>von Stefan Ikarus Kaiser (\u00d6AW-RISM Ober\u00f6sterreich)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Musikarchiv des Linzer Doms z\u00e4hlt zu den gr\u00f6\u00dften Musiksammlungen im Bistum Linz (RISM-Sigel: A-LId).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a> Seine Entstehungs- und \u00dcberlieferungsgeschichte ist jedoch derma\u00dfen komplex, dass einige Fragen aus gegenw\u00e4rtiger Sicht mangels fehlender archivgeschichtlicher Informationen nicht mehr mit Sicherheit beantwortet werden k\u00f6nnen. Die verworrene Situation, die sich heutzutage in der Teilung des Gesamtbestandes in mehrere Archivk\u00f6rper und mehr oder weniger zusammengeh\u00f6rende Teilbest\u00e4nde wiederspiegelt, hat ihre Ursache zum einen in der historisch gewachsenen Verbindung der Kirchenmusiktraditionen des Alten Doms und der Stadtpfarrkirche in Linz, zum anderen in der sukzessiven Einverleibung des urspr\u00fcnglichen Archiv-Kernbestandes in das neu errichtete Musikarchiv des Neuen Doms.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine zus\u00e4tzliche Erschwernis f\u00fcr die Rekonstruktion der Provenienz der Best\u00e4nde brachte die de facto doppelte Archivf\u00fchrung in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahr\u00adhunderts am Alten und am Neuen Dom mit sich, da Domkapellmeister Karl Waldeck (1841\u20131905) bis zu seinem Tode am Alten Dom t\u00e4tig blieb und die vorhandenen Notenmaterialien weiterhin benutzte, w\u00e4hrend Johann Baptist Burgstaller (1840\u20131925) in seiner Eigenschaft als Domchor-Vikar gleichzeitig bereits am Neuen Dom musikalisch wirkte. Im Gegensatz zu Waldeck wollte Burgstaller eine c\u00e4cilianisch akzentuierte Kirchenmusiktradition etablieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die eigentliche Zusammenf\u00fchrung der beiden Musikalienbest\u00e4nde d\u00fcrfte erst unter dem n\u00e4chsten Domkapellmeister Ignaz Gruber (1868\u20131937) erfolgt sein, der das Amt seines verstorbenen Onkels Karl Waldeck \u00fcbernahm und am Neuen Dom fortf\u00fchrte. Das gesamte Musikarchiv war nun zu einer enormen Gr\u00f6\u00dfe angewachsen und es gestalte sich in seiner Struktur keineswegs einheitlich: Etliche \u00e4ltere Musikalien, die urspr\u00fcnglich bereits mit einem Numerus currens in r\u00f6mischen Ziffern am unteren Rand der Notenbl\u00e4tter versehen und sp\u00e4ter teilweise in einzelne Tomi zusammengefasst worden waren, stammten urspr\u00fcnglich nicht nur aus dem Alten Dom, sondern auch aus der Stadtpfarrkirche und m\u00f6glicherweise sogar noch aus der fr\u00fcheren Jesuitenkirche. Gr\u00f6\u00dfere Teilbest\u00e4nde, wie eine beachtliche Anzahl an Handschriften des ehemaligen Wilheringer Stiftsorganisten Adolf Festl (1826\u20131902) oder des in Atzbach\u00a0 beheimateten Schreibers Anton Michael Denk sowie Schenkungen von Johann Evangelist Habert (1833\u20131896) aus Gmunden waren ebenso in das Archiv gelangt, w\u00e4hrend andere Musikalien fehlten, da sie zuvor im Alten Dom und parallel in der Stadtpfarrkirche benutzt worden waren, und daher im Musikarchiv der Stadtpfarrkirche verblieben waren (RISM-Sigel: A-LIsp).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a> Au\u00dferdem ergaben sich durch weitere Institutionen, wie dem Linzer Dombau-Verein und dem Di\u00f6zesan-C\u00e4cilienverein in Linz, noch andere Provenienz- und Besitzverh\u00e4ltnisse diverser Notenmaterialien.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahre 1916 legte Ignaz Gruber ein umfangreiches Inventar des gesamten Bestandes unter Einf\u00fchrung eines neuen Standort-Signatursystems an. Dieses war kombiniert aus den Buchstaben A\u2013H, die die jeweiligen Archiv-Schr\u00e4nke bezeichneten, sowie den Nummern der Schrankf\u00e4cher gefolgt von denjenigen der Musikalien selbst. Dieses Inventar wurde vom nachfolgenden Domkapellmeister Franz Xaver M\u00fcller (1870\u20131948) weitergef\u00fchrt und im Juni 1932 von Bischof Johannes Maria Gf\u00f6llner pers\u00f6nlich gepr\u00fcft, was nahelegt, dass der Archivbestand in diesem Jahr noch weitgehend geschlossen erhalten sein musste (n\u00e4here Hinweise vgl. Ikarus Kaiser, Das historische Notenarchiv des Linzer Doms, hg. Michael Jahn, Wien 2008, Vorwort S. 26).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter dem sp\u00e4teren Domkapellmeister Josef Kronsteiner (1910\u20131988) erfolgte schlie\u00dflich die erste gro\u00dfe Trennung des Archivs, entweder noch in der Zeit der letzten beiden Kriegsjahre gleich nach dessen Amtsantritt oder wenig sp\u00e4ter. F\u00fcr die Entscheidung, welche Musikalien dem Altbestand zugewiesen wurden und welche weiterhin im Archiv des Domchors verbleiben sollten, waren dabei weniger die Kriterien des Alters und der physischen Beschaffenheit der Notenmaterialien, sondern vielmehr der Aspekt ihrer praktischen Verwendbarkeit im Hinblick auf das individuelle Repertoire der Dom-Kirchenmusik ausschlaggebend. Daher wurden Musikhandschriften und \u00e4ltere Musikdrucke, meist mit alten Notenschl\u00fcsseln und vorwiegend noch aus der Zeit der Kirchenmusikpflege am Alten Dom, zwar in gro\u00dfer Menge, aber keineswegs zur G\u00e4nze aussortiert. Den so gewonnenen &#8220;neuen&#8221; Altbestand lie\u00df Kronsteiner im Ober\u00f6sterreichischen Landesmuseum deponieren. Diesbez\u00fcgliche schriftliche Vereinbarungen wurden nicht get\u00e4tigt oder sind in Verlust geraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die solcherma\u00dfen vorgenommene Archivtrennung f\u00fchrte dazu, dass etliche Musikalien aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, die unter wissenschaftlichem Gesichtspunkt eigentlich bereits als &#8220;historisch&#8221; zu bewerten gewesen w\u00e4ren, darunter etwa auch mehrere Werke von Anton Bruckner, Robert F\u00fchrer, Ignaz Gruber, Franz Xaver M\u00fcller, Engelbert Lanz und Karl Waldeck, nach wie vor im Gebrauchsarchiv des Neuen Doms verblieben. Bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung wurde dennoch der Eindruck einer inhaltlichen Unterscheidung der Musikarchive des Alten und des Neuen Doms suggeriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend das Gebrauchsarchiv musikwissenschaftlich kaum beachtet wurde, blieb der Altbestand im Landesmuseum nicht lange in Vergessenheit, da Othmar Wessely bereits im Jahre 1970 seine Existenz erw\u00e4hnte und eine Reihe von Komponisten nannte, deren Werke in diesem Bestand \u00fcberliefert wurden (Othmar Wessely, Von Mozart bis Bruckner. Wandlungen des Linzer Musiklebens von 1770\u20131870, in: \u00d6sterreichische Musikzeitschrift Jg. 25 (1970), Heft 3, S. 151\u2013165; zum alten Domchorbestand siehe S. 156).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a> Wessely musste diesen Archivk\u00f6rper also nicht nur gekannt, sondern auch bereits gesichtet haben. Eine zus\u00e4tzliche Erweiterung dieses Altbestandes erfolgte durch die Erg\u00e4nzung eines kleinen Teils des Nachlasses von Ignaz Gruber sowie eines weiteren Archivbestandes des Komponisten und Arztes Maximilian Gerhardinger (1891\u20131971). Dieser letztgenannte Teil mit etwa 150 Faszikeln umfasste nicht nur Gerhardingers eigene Kompositionen und diejenigen seines Vaters, sondern auch einige weitere kirchenmusikalische Notenmaterialien aus dem 19. Jahrhundert. Ob diese Erweiterung auf Initiative oder zumindest im Wissen von Joseph Kronsteiner erfolgte, kann aus heutiger Sicht nicht mehr gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwas eingehender besch\u00e4ftigte sich der Linzer Musikforscher Franz Zamazal abermals mit dem mittlerweile in ein Au\u00dfendepot des Landesmuseums \u00fcberstellten Alt\u00adbestand und legte im Jahr 1999 ein grobes Titelverzeichnis mehrerer \u00fcberlieferter Kompositionen an, das nicht publiziert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischenzeitlich hatte der neue Domkapellmeister Anton Reinthaler (geb. 1950) kurze Zeit nach seinem Amtsantritt im Jahr 1986 auch die \u00fcbrigen \u00e4lteren Notenmaterialien im Gebrauchsarchiv des Domchors aussortiert und dem Linzer Di\u00f6zesanarchiv \u00fcbergeben, wo sie faszikuliert und mittels eines Titelverzeichnisses \u00fcberblicksartig als (zweites) Domchor-Archiv zusammengefasst wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zuge eines von der Ober\u00f6sterreichischen Landesregierung finanzierten Projekts zur wissenschaftlichen Katalogisierung verschiedener ober\u00f6sterreichischer Archiv\u00adbest\u00e4nde begann ich im Jahr 2006 mit der wissenschaftlichen Erschlie\u00dfung des ersten Altbestandes aus dem Landesmuseum, der zu diesem Zweck in die R\u00e4umlichkeiten des Collegiums Petrinum \u00fcberstellt worden war. Als Ergebnis meiner Forschungen entstand 2008 ein gedruckter Katalog dieses Notenbestandes mit insgesamt 367 Faszikeln, bestehend aus Hand- und Druckschriften aus dem 18. und 19. Jahrhundert (vgl. oben).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcrzlich schloss ich die Online-Katalogisierung dieses ersten Bestandes f\u00fcr RISM im Rahmen des von der Landesregierung finanzierten und an der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelten Projekts ab (<a href=\"http:\/\/opac.rism.info\">opac.rism.info<\/a>).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a> In einem weiteren Schritt begann ich im Februar 2016 auch mit der Online-Katalogisierung des zweiten gro\u00dfen Domchor-Archivbestandes im Di\u00f6zesanarchiv f\u00fcr RISM. Aufgrund der eindeutigen Provenienz entschied ich mich f\u00fcr die Beibehaltung des RISM-Sigels &#8220;A-LId&#8221;, wodurch die Zusammengeh\u00f6rigkeit beider Archivk\u00f6rper klar zum Ausdruck gelangen soll. Aus diesem Grund setze ich auch das von mir eingef\u00fchrte rein numerische Signatursystem beginnend mit der Zahl 400 fort, da der erste Bestand bis zur Nummer 367 reicht.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erfreulicherweise gelangten dadurch bereits nach wenigen Wochen einige bisher kaum beachtete Bruckner-Quellen wieder zu Tage, darunter weiteres abschriftliches Stimmen\u00admaterial zur Messe in e-Moll WAB 27 (A-LId 473 und 477-479, RISM id. no. 605002361 und 605002367-605002369) oder die Antiphon &#8220;Tota pulchra&#8221; WAB 46 in Abschriften und einer vermutlich autographen Partitur (A-LId 485, RISM id. no. 605002375).<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><\/a> Die Bruckner-Forschung wird sich k\u00fcnftig mit der genaueren Auswertung dieser Quellen befassen, die nach der RISM-Erstaufnahme auch bereits f\u00fcr die Bruckner-Datenbank digitalisiert worden sind.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><\/a> Die \u00fcbrigen Bruckner-Quellen im Tresor\u00adbestand des Linzer Di\u00f6zesanarchivs wurden unter dem Bibliothekssigel &#8220;A-LIda&#8221; in RISM aufgenommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Miszellen zur Bestandsgeschichte des Dom-Musikarchivs in Linz von Stefan Ikarus Kaiser (\u00d6AW-RISM Ober\u00f6sterreich) Das Musikarchiv des Linzer Doms z\u00e4hlt zu den gr\u00f6\u00dften Musiksammlungen im&#8230; &nbsp; <a href=\"http:\/\/www.bruckner-online.at\/?page_id=1226\" class=\"moretag\">&#8230;mehr <\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"page-fullwidth.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1226","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bruckner-online.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1226"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bruckner-online.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bruckner-online.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bruckner-online.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bruckner-online.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1226"}],"version-history":[{"count":15,"href":"http:\/\/www.bruckner-online.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1226\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1244,"href":"http:\/\/www.bruckner-online.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1226\/revisions\/1244"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bruckner-online.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1226"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}